All Lives matter!

Wieder montags!

Zeit ist zwar immer knapp, doch letztlich bleibt es einfach eine Ermessensfrage, wofür man dieses kostbare Gut einsetzen möchte. Ich für meinen Teil habe nach einem Jahr Pause wieder große Lust bekommen, das Schreiben zu aktuellen Themen wieder aufzunehmen. Das Resultat lesen Sie hier: Die Gedanken über eine unfertige Welt erscheinen ab sofort wieder montags!


Die Medien! Hatte tatsächlich jemand noch immer Zweifel hatte, ob nicht die früher mal seriös als politische Strömungen benannten Tagesthemen erst durch die Medien zu wichtigen oder weniger wichtigen, globalen oder lokalen Ereignissen gestempelt werden? Nun, die vergangene Woche könnte ein paar mehr Unentschlossene überzeugt haben. Die Handyaufnahmen von der widerlichen Polizeiaktion gegen George Floyd in Minneapolis vom 25. Mai haben eine erstaunliche mediale Karriere hingelegt. Der derzeitige Stand nach nur zwei Wochen (!):

  • eine neuerlich und zusätzlich unter Druck geratene Präsidentschaftskampagne des amtierenden Präsidenten

  • vorher allesamt erfolglose Versuche, das Corona-Thema aus den Headlines zu bekommen, sind nun auf unerwartete und so wohl nicht gewünschte Weise erfolgreich

  • tatsächlich ist ein Thema aufgetaucht, an dem höchstwahrscheinlich nicht China schuldig gemacht werden kann (Im Gegensatz zur Klimaerwärmung, Weltwirtschaftproblemen und natürlich Corona...) Aufgrund des völlig ausgeuferten medialen Dauerkrieges USA-China berichten nun Chinas Medien genüsslich über die Demonstrationen in den USA und sehen darin die Bestätigung für die völlige Verlogenheit der US-Kritik an Menschrechtsverletzungen in China, bzw. der letzten Volkskongress-Beschlüsse über Hongkong.

  • Die Demonstration vorwiegend jugendlicher Demonstranten hat nun ein tatsächlich über lokale und Randinteressen hinausgehendes großes Thema bekommen. Wer allerdings die Demonstrationen nun in seinem Sinne vereinnahmen wird können, ist noch nicht so klar.

  • Die demokratische Partei erhält auf dem Silberteller überreicht die Themen für den erst bevorstehenden eigentlichen Wahlkampf überreicht, muss aber darauf achten, dies nicht gar zu plump ausnutzen.

  • Die bevorstehenden Gerichtsverhandlungen der amtshandelnden Polizisten enthalten enorme Sprengkraft und gehen deutlich darüber hinaus, einfach die tödlich ausgegangene Verhaftung zu kritisieren. Es steht generell die Angemessenheit der derzeitigen gültigen (und somit rechtlich gedeckten) Regeln auf dem Prüfstand, deren gesetzliche Autorität noch an Sherriffs in WildWest-Filmen erinnert. Das zweite grundsätzlich Thema ist die schon lange beanstandete Benachteiligung und Schlechterbehandlung schwarzer Amerikaner. Hier differenziert auf Tatsachen basierend Systemmängel nicht nur zu benennen, sondern auch zu beheben, wird für jede Regierung eine sehr große Aufgabe werden

  • Im doch recht weit von den USA entfernten und bisher nicht durch übermäßige Verbundenheit mit den Angelegenheiten der USA und insbesondere der African-Americans aufgefallenen Österreich(!) gab es am am Donnerstag statt der erwarteten 3.000 geschätzte 50.000 und auch am Freitag nochmals 8.000 Teilnehmer. Link zu Artikel im ORF Wien

  • Aktueller Nachtrag dazu: Die Stadtverwaltung von Minneapolis hat die Auflösung der alten Polizeistrukturen beschlossen und will die Aufgabenbereiche der Polizei neu definieren. Leider konnte ich den dürftigen Informationen nicht entnehmen, was die Hintergründe dieser sehr weitreichenden Entscheidung sind. Siehe dazu den Bericht in "DIE ZEIT" und der New York Times

  • Bei den inzwischen landesweiten Demonstrationen wurde inzwischen Seite an Seite mit dem Initialslogan "Black Lives Matter" einen neuen Slogan nach einer Eindämmung der Polizeiautorität rufen. Einer der dazugehörigen Slogans, "Defunding Police" nimmt schon mal Budgetkürzungen für die Polizeistruktur ins Visier.

Wird all der Wirbel verrauchen, verhallen, vergessen werden, wenn der nächste Handy-Schnappschuss neue Schlagzeilen verspricht? Der Versuchung für die bisher maue Wahlbewegung der Demokraten, daraus an den Urnen Kapital zu schlagen, wird nur schwer zu widerstehen sein. Zu hoffen wäre freilich, dass ein echtes Reformprogramm entsteht, an dessen Ende ein wesentlich intelligenterer und auch menschlicher Umgang des Staates mit seinen Bürgern steht. Die rassenübergreifenden Demonstrationen und die Mobilisation der US-Jugend sind ein ermutigendes Zeichen dafür. Expräsident Obama hat vor allem über den Tag hinaus die Transformation in echte Veränderungen angemahnt. Auch für unsere Medien einmal mehr eine Gelegenheit, bei einem Thema am Ball zu bleiben.


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