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Ist das menschliche Schwäche – oder längst Zynismus?

Aktualisiert: 28. Apr.

Wir alle kennen dieses ungemütliche Gefühl im Bauch: Wir wissen eigentlich sehr genau, dass wir etwas ändern müssten. Sei es unser Verhalten im Alltag, unsere Gewohnheiten beim Konsum oder unsere Bequemlichkeit, wenn es um unsere demokratische Verantwortung geht. Und doch tun wir oft – nichts. Wir vermeiden den anstrengenden Umstieg und machen weiter wie bisher. Meistens begleitet uns dabei wenigstens ein leises, schlechtes Gewissen. Lange Zeit habe auch ich das einfach als menschliche Schwäche betrachtet. Als eine ärgerliche Inkonsequenz, die wir alle von uns selbst kennen. Fehler einzugestehen und die eigene Schwäche zu akzeptieren, ist schließlich kein Scheitern, sondern ein unersetzlicher erster Schritt, um überhaupt etwas dazuzulernen.


Zwei Schauplätze von Zynismus: Wenn Schwäche zur Absicht wird

Gefährlich wird es jedoch an einer ganz bestimmten roten Linie. Nämlich dann, wenn dieses schlechte Gewissen verschwindet und wir notwendige Konsequenzen über lange Zeit aus reinem, offensichtlichem Kalkül verweigern. Dann dürfen wir das nicht mehr als verzeihliche menschliche Schwäche abtun. Das ist Zynismus.

In meinem Buch Fünf nach Zwölf beschreibe ich zwei Seiten dieses Phänomens. Auf der einen Seite steht der „aufgeklärte Zynismus“, wie ihn der Philosoph Peter Sloterdijk so meisterhaft seziert: Wir wissen heute eigentlich ganz genau, was falsch läuft. Wir haben uns durch Wissen emanzipiert, aber flüchten uns aus Frust über die ausbleibende sofortige Weltverbesserung lieber in eine „bequeme Ohnmacht“.

Auf der anderen Seite steht ein Phänomen, dem ich im Hauptkapitel „Fesselnde Erzählungen“ meines aktuellen Buches viel Platz einräume: der „religiöse Zynismus“. Er zeigt sich im strategischen Festhalten an dem längst widerlegten Anspruch, im Besitz des absoluten und ewigen „Wortes Gottes“ zu sein. Obwohl die historische und wissenschaftliche Forschung die menschliche Autorenschaft dieser Texte längst erdrückend bewiesen hat, wird wider besseres Wissen einfach weitergemacht, „als ob“. Dieser absichtsvolle Zynismus allerdings zeigt bereits seine hässliche Fratze: Gerade vor unseren Augen wird das alte Offenbarungs-Narrativ von autoritären und populistischen Kräften völlig neu instrumentalisiert, um eigenes autoritäres Verhalten zu rechtfertigen und ein freies, differenziertes Denken zu sabotieren.


Zeigen wir dem Zynismus die kalte Schulter: an der Wahlurne

Zwischenmenschlich gilt Zynismus ist als eine eindeutig negative Haltung, die sich herzlos und spöttisch die Schwächen anderer zunutze macht. Es ist der erwähnte Peter Sloterdijk, der den Begriff als ein dominantes Zeitphänomen bloßstellt. Als Handeln wider besseres Wissen ließe sich diese Haltung beschreiben - allerdings mit selbstsüchtiger Absicht. Er zeigt sich ganz konkret dort, wo wir populistischen Verführern ihre „zu kleinen Hoffnungen“ abkaufen. Diese bestechend einfachen Lösungen bieten uns wie falsche Freunde ein höchst komfortables Narrativ: In Wahrheit seien an allem ohnehin immer „die anderen“ oder „die da oben“ schuld. Wenn Politiker oder Wissenschaftler sich an den tatsächlich großen Herausforderungen die Finger schmutzig machen und mühsame Lösungen erarbeiten, wird uns das als Zumutung verkauft. Großräumige Umstellungen des Wirtschaftssystems unter Einbeziehung aktuellen Wissens über unsere Umwelt (wie etwa durch den Green Deal) oder andere multilaterale Lösungsansätze werden als angebliche Lügen diffamiert, die man uns nur aufzwängen wolle.

Das ist die eigentliche Brunnenvergiftung des 21. Jahrhunderts: die pauschale Verächtlichmachung und der gezielte Vertrauensentzug gegenüber dem immer mühsamen Ringen um echte Lösungen. Der deutsche Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat es treffend zugespitzt, dass der freiheitliche Staat von der moralischen Substanz und dem Vorschussvertrauen seiner Bürger lebt. Dieses Grundvertrauen auszuhöhlen, kommt einer Brunnenvergiftung gleich, deren Folgen nicht ausbleiben können. Zugegeben:Wer will schon jedesmal prüfen, ob sein Wasser ausgerechnet aus einem dieser vergifteten Brunnen stammt? Schließlich muss es ja keineswegs wie eine vergiftete Brühe riechen. Wie Kohlenmonoxid kann es auch geruchlos tödlich sein. Raus aus dem Zynismus bedeutet daher ganz konkret: Wir müssen uns der Mühe unterziehen, zu prüfen, ob es sich hier nicht doch um zu kleine Hoffnungen, um falsche Freunde, um verseuchtes Wasser handelt. Erst nach dieser Vergewisserung wird es uns auch möglich sein, uns auf die Seite derer zu stellen, die sich mit den harten Realitäten herumschlagen. Dort wird Unterstützung durch Vor allem bedeutet es, an der Wahlurne nicht jene zu stärken, die wider besseres Wissen einfach "weiter tun wollen, als ob" nichts wäre.


Zeit für größere Hoffnungen

Was könnten dann aber die „größeren Hoffnungen“ sein und wie holen wir uns die Selbstermächtigung wieder zurück? Darum geht es in meinem aktuellen Buch FÜNF NACH ZWÖLF - Zeit für größere Hoffnungen ausführlich analysiert. Hören Sie einmal in das packende Zwiegespräch hinein und sie erfahren in 25 Minuten, worum es dort geht.

Ich lade Sie also ein: Lassen Sie die bequeme, aber ohnmächtige Zuschauerrolle hinter sich. Werden auch Sie proaktiv! Lesen Sie mit, denken Sie mit und vor allem – lassen Sie uns darüber ins Gespräch kommen! Zum Beispiel gleich hier unterhalb dieses Beitrags mit einem Blogkommentar - oder am Dienstag, den 19. Mai in meinem Salon Digital. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!

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