Der Integrationsbericht 2020

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Perspektivenwechsel in der Praxis, Szene2:


Während gerade hochaktuell die FPÖ den Wienern wieder ihre Stadt zurückzu-geben verspricht, sich das Thema Migration derzeit nur noch in der humanitären Blamage der Verweigerung der Übernahme von 200 Kindern aus dem Lager Moria erschöpft, die EU-Kommission den Regierungen der Mitgliedstaaten den Vorschlag für ein neues Migrations- und Asylpaket übermittelt, konnte leider ein wichtiges integrationpolitisches Ereignis durchaus übersehen werden.


Der fast unbemerkt gebliebene neue Integrationsbericht es Expertenrates der Bundesregierung könnte nämlich Aufschlussreiches über eine der bedeutendsten Änderungen in den letzten zehn Jahren in diesem Land zu verstehen helfen. Freilich muss man zu dessen Lektüre einige wichtige Hürden überspringen. Nein, nicht dass die Unterlagen schwer zu finden wären. Sie finden sich auf der Website des Bundeskanzleramtes. Den einmal mehr privilegierten Lesern meines Blogs allerdings liste ich sogar die Links zu den verfügbaren Informationen (als PDF-Dateien) schön vorsortiert hier auf:


1. Pressemappe zum Integrationsbericht(Kurzversion, 18 Seiten)

2, Vollständiger Integrationsbericht (135 Seiten)

3. Statistisches Jahrbuch 2019 zum Thema Migration & Integratio (126 Seiten)


Mit den Hürden meine ich eher, dass offizielle Regierungsseiten im Internet mit größter voraueilender Skepsis betrachtet werden. Der neue Integrationsbericht wäre vielleicht ein Anlass, diesmal doch diese Hürde zu überwinden.


Nun denn, statt hier moralinsaure Argumente zu schwingen, und diejenigen überzeugen zu wollen, die niemals diesen Blog lesen werden, habe ich anderes vor. Auch in Informationen, die ärgerlicherweise unsere schön aufgeräumte eigene Komfortzone zerwühlen, kann mitunter wichtige und ja - wahre - Information stecken. Es folgt aber jetzt keineswegs ein Abriss aus dem statistischen Handbuch. Ich möchte mich auf eine einzelne dort zu findende Grafik beschränken. Darin ist einfach die Entwicklung der Zusammensetzung der Bevölkerung dargestellt.


Völlig Demagogie-bereinigt lässt sich daraus ablesen, dass der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund in ganz Österreich von 18,5 % im Jahr 2010 auf 23,7 % angewachsen ist. (Relative Zunahme 35,5 %) Bald also hat jeder vierte Österreicher Migrationshintergrund.


Zwei weitere Sachverhalte mute ich dem Leser noch zu:

Faktum 1:

Diese Zuwanderung teilt sich natürlich nicht gleichmäßig auf alle Gemeinden des Landes auf. Der erstaunlich hohe Anstieg im ganzen Land hat besonders mit dem enormen Zuwachs in Wien zu tun. Schon im Bundesland Wien ist der Anteil an Schülern und Schülerinnen mit einer nicht-deutschen Umgangssprach auf 52 % angestiegen. Einwohnern mit nicht-deutscher Umgangssprache bedeutend höher als in den Bundesländern. Damit ist es aber noch keineswegs getan. Wie auch in anderen Städten gibt es auch in Wien Bezirke mit besonders hohem Migranten-Anteil. Die obige Durchschnittszahl von 52% nicht-deutschsprachigen wird in Favoriten mit 71,7% weit übertroffen, liegt aber auch in der inneren Stadt immerhin bei 25,4 %. Viele weitere Herausforderungen schließen an diese nicht einfach Situation an: Grundkenntnisse nach Abschluss der Pflichtschule, Qualifikation für Berufe, u. v. a. m.


Faktum 2:

Von den 8,9 Millionen Menschen, die Ende 2019 in Österreich Wien lebten, sind 550.000 Personen in den letzten 10 Jahren hinzugekommen. Dieser Zuwachs stammt zu 95 % aus der Zuwanderung. Ohne Zuwanderern hätte die Österreichische Bevölkerung in den letzten zehn Jahren sogar abgenommen.


Nur ein Auszug war das aus den Datensammlungen, die jeder Österreicherin und jedem Österreicher frei und kostenlos zur Verfügung stehen. Sie stellen den neutralen Hintergrund dar für die Konsequenzen, die nun jeder daraus ziehen mag. Nicht jeder ist ein unbelehrbarer Fremdenfeind, dem bei diesen Zahlen ein wenig mulmig wird. Die Aufgabe, Integration vor solchen realen Hintergründen zu stemmen, ist tatsächlich enorm. Sich diese Zahlen lieber nicht zu geben, ist noch nicht menschlich, sozial oder christlich. Noch dazu steckt in ihnen ein ungeheuer positive Nachricht: Es ist unbestreitbar schon einiges auch gelungen! Auch aus diesem Grund ist die Lektüre des Integrationsberichtes so zu empfehlen: Es kann sich durchaus sehen lassen, was in den letzten 10 Jahren auch an Maßnahmen ergriffen wurde. Offensichtlich ist diese Aufgabe noch länger nicht vorbei. Analyse der weiter bestehenden Schwachstellen ist unabdingbar ebenso erforderlich. Doch die Nachricht sollte nicht unter den Tisch fallen: Viele öffentliche Maßnahmen haben sehr wohl gegriffen und: da gibt es das gar nicht zu hoch zu bewertende Engagement von zahllosen Personen von den Kindergärten, dem gesamten Bildungssektor und den Betrieben und den vielen Privatinitiativen, die Brücken geschlagen haben zwischen Religionen, Kulturen.


Den Menschen, die schon da sind, eine echte Chance zu geben, besteht nicht nur aus der einfachen Rechnung: Anzahl der Migranten multipliziert mal Mindestsicherung. Chancen für alle zu bieten, das ist eine riesige Aufgabe. Unbestritten und doch oft vergessen bleibt die Tatsache, dass Integration auch schon in vielen Fällen gelungen ist. Die Einschränkung, dass die Anzahl der zu Integrierenden für die Strukturen der Ausbildung und der Arbeitswelt verkraftbar bleiben muss, scheint mir durchaus auch berechtigt.


Ist ein derartiger Perspektivenwechsel zumutbar? Schließt eine Willkommenskultur, die in jedem Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund die Chance für beide Seiten in den Vordergrund stellt das Verständnis aus für die Sorge vor einer weitgehenden Veränderung des Landes in dem man aufwuchs?


Das größte Hindernis dafür stellen diejenigen dar, die Menschen mit einer anderen Sicht auf eine der größten Herausforderungen der Gegenwart zu Feinden umdefinieren. Die Fakten, wie sie etwa im Integrationsbericht aufbereitet sind, könnten eine Brücke schlagen.


Wenn man es zulässt.