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Endlich Revolution ?

Während ich erst - wie zuletzt auf diesem Platz eingeräumt - erst erst durch die FPÖ-Plakate voll mit EU-Wahnsinn aus dem diesjährigen demokratischen Schlummer geweckt werden musste, sind andere schon sehr viel länger im Wahlkampfmodus. Unter der Intendanz von Milo Rau wurde schon seit Juli 2023 an einer Revolution zur EU-Wahlzeit gebastelt. Optisch ist das tatsächlich mehr als ein Revolutiönchen. Da wird mit den Ansprüchen nicht gekleckert, nein, sondern recht gezielt geklotzt. Das durchgehende Design aller Plakate und Handouts zeugt von einigem Ehrgeiz. Das genüsslich verstörende Plakatmotiv eines Kusses mit Gangster- nein, pardon, natürlich mit Demonstranten-hauben, alle anderen forschen Plakatsujets und Handouts und dann auch noch die fetzige Schrift sind sichtlich Resultat gründlicher Vorbereitung. Schon im Januar 2023 ließ man den ab Juli 2023 eingesetzten Intendaten Milo Rau ankündigen, in den nächsten 5 (!) Jahren in Wien ein "Theater-Fest zu schaffen», das alle Menschen anspricht, «ein vielstimmiges, formal diverses, leidenschaftliches und kämpferisches Welttheater», so die Wiener Festwochen. Schon die Ankündigung vor mehr als einem Jahr zeigt, dass Milo Raus Engagement durchaus bewusst und in Erwartung dessen erfolgte, was wir derzeit bewundern dürfen. Von der bombastischen Ankündigung gab es nun auch schon die ersten Kostproben zu sehen. Wie bereits an den ersten Beiträgen ist bereits ersichtlich, dass man nicht gewillt ist, nach er Eröffnung leiser zu treten. Die Kulturseiten werden in diesen ereignisreichen Wochen einiges zu berichten haben.


In diesem Blog soll aber von einem anderen Aspekt die Rede sein, der schon in meinem letzten Beitrag zu den Wahnsinnsplakaten angestoßen wurde. Der schon lange feststehende EU-Wahltermin am 9. Juni ist für den bekannt "politischen" Intendanten Rau eine Einladung, die er nun wirklich nicht ausschlagen konnte. Seine Idee einer kontroversiellen Eröffnungsrede des Philosophen Omri Boehm am Judenplatz ließ schon seine Freude am absehbaren Konflikt erkennen. Einer außerhalb Israels sehr angesehenen Vision einer 2-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinenser stellte Boehm eine für Ariel Muzicant noch schlimmere Idee eines Zusammenlebens in einem Staat gegenüber. Er vergaß nicht zu erwähnen, dass die noch immer kursierenden Vorstellungen eines großen Staatsgebietes - aber halt ohne die anderen - sich nicht als Lösungen generieren sollten, auch wenn er sich so poetisch anhört wie "From the river to the seas". Diese ebenso wie die Träume fundamentalischer israelischer Siedler gleichen sich da wie ein Ei dem anderen: Wie schön könnte das Leben sein, wenn da nicht die anderen wären!


Noch mehr Salz in andere offene Wunden versprechen die angelaufenen "Wiener Prozesse" an drei Wochenenden. Vom 24. - 26. Mai eröffnete man den ersten Schauprozess unter dem Titel "Die verwundete Gesellschaft" zu den Corona-verwundeten Österreichern. Die vorgesehenen Aufführungen mit Richtern, Zeugen, Anklägern und Angeklagten kommentierte der Kurier-Kulturchef Georg Leyer in seinem jüngsten Newsletter mit dem Titel "Mit gesellschaftlichen Wunden spielt man nicht"  Leyer sieht in spektakelhaften lustigen Anschuldigen und Verurteilen nicht den heilenden Effekt und in dem therapeutischen Anspruch auch eine Selbstüberschätzung des Theatermachers. Man darf sich mit ihm tatsächlich fragen, ob das Wühlen in nicht verheilten Wunden zu einer unbedenklich harmlosen Therapie erhöht werden kann. Wird die heilsame Katharsis sich dann schon einstellen, weils ja - haha haha - nur ein Theaterstück war? Ob das nicht bloß mutig, sondern vielleicht auch gefährlich anmaßend ist, werden wir nach den drei Wochenenden besser beurteilen können.


Ob viele Menschen sich überhaupt in das 200 Seiten dicke Programmbuch oder auf die übersichtliche und ausgezeichnet funktionierende Website wagen möchten, wird wohl auch schon in der großen Eröffnungsschau am 17. Mai entschieden worden sein. Betont schrill wurde auf dem Rathausplatz die "Freie Republik Wien" ausgerufen und dafür gesorgt, dass man wohl kaum übersehen wurde. Ab 21 Uhr 20 hob ein explosives Programm an, in dem eine eigene Republikshymne debütierte, neben vielen anderen auch die russische Aktivistinnengruppe Pussy Riot auftrat und sogar Elfriede Jelinek zugeschaltet wurde. Nicht jeder allerdings schwärmt so für den Kanonendonner der Revolution, zu der Milo Rau eingeladen hat. Auch wenn dem Befund einer an vielen Stellen zu hinterfragenden Gesellschaft keineswegs nur die Jugend (wie immer man sie definierten möchte) zustimmt, so muss es doch meiner Generation auch erlaubt sein, diese Instrumentalisierung so vieler jugendlicher Energie für eine allzu wenig hinterfragte "Revolution" beklemmend zu finden. Ein Blick in die Geschichte kann die zur Schau getragene lustige, musicalhafte Glorifizierung von "Revolution" auch nicht wirklich rechtfertigen. Und dies schreibe ich als bekennender Alt-68er, der dem Sager "Wir schulden der Welt eine Revolution" noch einige nostalgische Empathie entgegenbringt! Die absolut begrüßenswerte Einladung zur Übernahme von Verantwortung, zu einem Leben abseits von Konsum und Unterhaltung hätte sich vielleicht noch mehr Nachdenken verdient, wie das Einbringen in die bestehenden Strukturen, die Mühen der Ebene, die Mühe der Überzeugung, die Mühe einer gewaltfreien Kommunikation, der Nutzung bestehender demokratischer Partizipation ebenso knallig, lustig und bunt präsentiert werden können, wie eine Freie Republik Wien!


P.S.: Gerade auch noch unter dem Eindruck der Wahnsinnsplakate drängte sich mir allerdings beim Ablauf der Festspiel-Eröffnung spontan ein anderer Gedanke auf: dieses, genau dieses verengte Bild einer Jugend, die plakativ jeden mit ihrer Toleranz gegenüber jeder Form von Sexualität ängstigt und auf österreichische Werte sowieso pfeift, wird hier unvermeidlich einen Beitrag zur Europawahl beisteuern. Es ist naiv, hier Zufälligkeit anzunehmen. Der Fehdehandschuh war durchaus geplant. Naiv ist es aber vielleicht auch, mit einer schrillen Gegenkampagne altvordere Bewahrer von Heimat und vertrauter Moral zu schrecken. Sich über die lustig zu machen, denen solche Art Fortschritt Angst macht, ist auf Grund der bereitgestellten Bühne möglich. Ob der Sache, der Demokratie, der Toleranz, dem Zusammenleben auf diesem Planeten und einem klitzekleinen Teil davon, Österreich, unserer gemeinsamen Zukunft damit geholfen wird, sehe ich hingegen skeptisch. Erfolgreich erschreckt werden die Erschreckten ein Motiv mehr haben, die Heimat vor den Gefahren des aus dem bösen Ausland hereinschwappenden moralischen Niedergangs zu bewahren und dementsprechend wählen.


Mögen so manche Festwochenbeiträge durchaus auch differenziertere Töne anklingen lassen, so wird doch die Lautstärke der schrillen Eröffnungsparty anderes übertönen und wohl noch länger im Ohr bleiben. Noch sind allerdings zwei Wochen bis zum Wahlgang. Bis dahin ist auch das vergessen. Bei manchen. Und auch nur vielleicht.



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2 Comments


Für mich aus der Provinz ist Wien etwas "abgelegen". Die Themen die bei den Wiener Festwochen präsentiert werden, sind zu beobachten. Medien sei dank. Danke für Deine satirisch, humorvolle Herangehensweise an ernste Themen.


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Danke Florian,


das werde ich mir in Ruhe durchlesen und mich dazu melden.


Ich lebe und arbeite seit dem Jahr 1982 in Deutschland und noch immer sperrt sich etwas in mir Deutscher zu werden. Ich fühle mich aber sehr verankert in der BRD; meine Frau ist wegen dem Brexit auch deutsch geworden. Politisch verorte ich mich in der Mitte, also der CDU nahe. Von der politischen Lage in meinem ursprünglichen Heimatland bekomme ich wenig mit.


Am 2. Mai 2024 erschien mein neues Buch „Ein Ende aller Kriege?“. Darin gehe ich der Frage nach, ob die kleinen, persönlichen Kriege mit den großen Kriegen etwas gemeinsam haben und ob es vielleicht einen noch zu entschlüsselnden Code gibt, der es uns ermöglicht, Konflikte…


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