Von der Zumutung der Verantwortung
- Florian Kliman
- 2. Mai
- 1 Min. Lesezeit

In den aktuellen politischen Debatten gerät ein Begriff zunehmend unter schweren Beschuss: die Verantwortung. Autokratische Kräfte und populistische Strömungen haben sie überaus erfolgreich als den großen Feind der persönlichen Freiheit gebrandmarkt. Wer heute Rücksichtnahme einfordert – sei es auf die Umwelt und das Klima oder ganz generell auf schutzsuchende Migranten –, sieht sich rasch dem Vorwurf ausgesetzt, einer realitätsfremden "Woke"-Bewegung anzugehören, die den normalen Bürgern vorschreiben will, wie sie zu leben haben.
Wissenschaftliche Erkenntnisse, die mit unvermeidlichen Verantwortungsappellen einhergehen, haben in diesem Narrativ keinen Platz mehr. Im besten Fall werden Wissenschaftler als weltfremde Spaßverderber abgetan. Im schlimmeren und weitaus gefährlicheren Fall werden sie als Teil eines elitären Manipulationsinstruments dargestellt, das nur dazu dient, den freiheitsliebenden Bürger zu gängeln und zu bevormunden. Wer solche Einsichten ablehnt, stilisiert sich stattdessen zum tapferen Verteidiger der Freiheit.
Doch was sich hinter dieser lautstarken Verteidigung einer vermeintlichen Freiheit verbirgt, ist bei genauerem Hinsehen oft nichts anderes als ein brutaler Egoismus. Ohne rhetorische Weichzeichner lautet die eigentliche Botschaft: Den beispiellosen Wohlstand, den wir uns fleißig und wohlverdient erarbeitet haben, müssen wir unter keinen Umständen mit faulen Wirtschaftsflüchtlingen oder anderen Untüchtigen teilen. Es ist die verlockende, bequeme Flucht in den nationalen Egoismus, die uns davor bewahren soll, die Zumutungen und unerledigten Hausaufgaben einer vernetzten Welt anzuerkennen.
Wer die Freiheit jedoch von jeder Verantwortung entkoppelt, pervertiert sie zur bloßen Rücksichtslosigkeit. Ein selbstbestimmtes Leben in einer Demokratie verlangt uns das Mitwirken im offenen Werkraum der Gesellschaft ab. Die Einsicht in diese Zusammenhänge und die Übernahme der damit verbundenen menschlichen Verantwortung ist eben nicht das Ende der Freiheit. Sie ist vielmehr der unersetzliche Schlüssel zu ihrem Gebrauch.


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