#2 - 26. August 2026
- Florian Kliman
- 26. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Aug.
Liebe Leserinnen und Leser!
Mein aktueller Beitrag „Tausend Jahre wie ein Tag“ hat die schwindelerregende Spanne zwischen dem 13. Jahrhundert des Franz von Assisi und der posthumanen Zukunft unseres Anthropozäns vermessen. Aber wie blickten die anderen Feuilletons und die Fachwelt auf diesen beispiellosen Salzburger Festspiel-Akkord?
In dieser neuen Ausgabe meiner Rundschau präsentiere ich Ihnen vier Beiträge, die genau an jenen wunden Punkten bohren, die mich auf Themen nach Zwölf bewegen – an der Schnittstelle von unerbittlicher Kapitalismuskritik, technologischer Ohnmacht und der Entdeckung einer vernunftbegründeten Verantwortung.
Hier ist Ihr Lese-Kompass für diese Ausgabe:
1. Der Charme der Kuh Anna (Thema: Die Ohnmacht vor dem Kapital)
Der Artikel: Standard-Besprechung im Perlentaucher (Efeu-Kulturrundschau)
Wer und Wo: Bert Rebhandl im Standard / Perlentaucher
Zugang: (Kostenfrei zugänglich via Perlentaucher / Standard mit Werbung)
Rebhandl erliegt in seiner Kritik der cleveren Sprache von Elfriede Jelinek und rückt eine Kuh namens Anna ins Zentrum der Betrachtung. Mit Sätzen wie „Anna – so heiße ich gar nicht, ich glaube, der moderne Bauer gibt seinen Tieren keine Namen mehr“ entlarvt er die unpersönliche Kälte des modernen Agrar- und Finanzsystems.
Dieses Bild der namenlosen Kuh ist das literarische Meisterstück für das, was wir auf unserer Plattform diskutieren: die totale Ökonomisierung des Lebendigen. Rebhandl zeigt eindrücklich, dass Jelineks Kapitalismuskritik kein hohles Pamphlet ist, sondern uns durch den Schmerz der Kreatur zwingt, hinter die glänzenden Fassaden der Benko-Luftschlösser zu blicken.
2. Wenn auf der Bühne der Mensch verstummt (Thema: Die Verführung durch die KI)
Die Analyse: Kritik: Die Schlachthöfe der KI
Wer und Wo: Elisabeth Maier in Theater der Zeit
Zugang: (Teilweise hinter Bezahlschranke / Abo-Schranke)
Maier analysiert präzise das bedrohliche und hochaktuelle Finale von Nicolas Stemanns Jelinek-Inszenierung. Sie beschreibt, wie am Ende des vierstündigen Abends eine Künstliche Intelligenz die Macht auf der Bühne übernimmt und die menschlichen Schauspieler buchstäblich verstummen.
Maiers Beobachtung ist die perfekte szenische Übersetzung der Zynismus-Falle. Wir delegieren unsere Mündigkeit und unsere Urteilskraft zunehmend an anonyme, technologische Systeme – bis wir selbst nichts mehr zu sagen haben. Ein dringender Weckruf gegen den technologischen Feudalismus, den uns manche Tech-Milliardäre des Silicon Valley als Erlösung verkaufen wollen.
3. Der Schmutz unter den heiligen Sohlen (Thema: Die Zumutung des Dogmas)
Die Kritik: Saint François d'Assise: Brot und Verklärung
Wer und Wo: Rezension auf Bachtrack
Zugang: (Frei zugänglich / Eventuelle kostenlose Registrierung)
Während Olivier Messiaens theologische Musik ganz auf die ätherische, reine Vogel-Verklärung setzt, holt der Regisseur Romeo Castellucci das Geschehen radikal auf den harten, schmutzigen Erdboden zurück. Die Kritik arbeitet heraus, wie Castellucci die nackte, physische Brutalität der Stigmatisierung und des Leidens betont – Franziskus wird hier nicht von göttlichen Strahlen getroffen, sondern von einer Schar schwarzer Gestalten zusammengeschlagen.
Ein faszinierender Beleg für die ästhetische Tarnung des Dogmas. Der Beitrag zeigt uns den ungeschminkten, mittelalterlichen Schmerz, der unter dem schönen Samtmantel der Musik verborgen liegt. Er fordert uns heraus, das Leiden nicht länger sakral zu verklären, sondern die spirituelle Zartheit des Franziskus mit unserem heutigen, rationalen Naturverständnis (LUCA) in Einklang zu bringen.
4. Als die Armut den Markt erfand (Thema: Religion von unten)
Die historische Abhandlung: Francis of Assisi and the rise of modern market law
Wer und Wo: Prof. Dr. Mathias Schmoeckel im Journal Collegium Medievale
Zugang: (Kostenfreier PDF-Direktdownload / Open Access)
Prof. Schmoeckel beleuchtet ein historisches Paradoxon von atemberaubender Tragweite: Ausgerechnet die radikale franziskanische Bewegung, die dem Geld vollständig abschwor, legte durch ihre theologische Pflicht zur präzisen Definition von Gebrauch und Eigentum (allen voran durch den Franziskaner Petrus Joannis Olivi) das fundamentale geistige Fundament für das moderne Handels- und Kreditrecht.
Das ist die „Religion von unten“ in ihrer reinsten, geschichtlichen Wirksamkeit! Sie beweist, dass bürgerliches Engagement und der Mut, unkonventionelle Wege zu gehen, die Spielregeln der realen Welt dauerhaft verändern können. Ein grandioses historisches Argument, das uns Mut macht, die Demokratie heute wieder als einen solchen gestaltbaren, offenen Werkraum zu begreifen.
Bringen Sie sich ein!
Bedeutet der Einzug der Künstlichen Intelligenz auf der Theaterbühne das endgültige Verstummen des menschlichen Geistes? Oder liegt in der franziskanischen Idee, sich ganz unten einzureihen, vielleicht doch ein wehrhaftes Modell für unser wirtschaftliches Zusammenleben von morgen?
Hinterlassen Sie Ihre Gedanken gleich hier in den Kommentaren oder schreiben Sie mir persönlich unter reden@themen12.at!

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