TAUSEND JAHRE WIE EIN TAG
- Florian Kliman
- vor 19 Stunden
- 8 Min. Lesezeit
Nur 14 Kilometer betrug die Entfernung zwischen der Großen Bühne der Perner-Insel Hallein und der Felsenreitschule am Großen Festspielhaus in Salzburg. Und nur ein Tag verging zwischen dem Vorstellungsbeginn von Unter Tieren in Hallein und demjenigen von Saint François d’Assise in der Felsenreitschule. Doch zwischen den dystopisch heraufdräuenden künftigen Zeiten, die Nicolas Stemann mit einer geradezu eruptiven Kreativität auf die Halleiner Bühne bannte, und einem 13. Jahrhundert, in dem sich nicht minder monumental Franz von Assisi mit seinem ebenso selbstgewählten wie unerreichbaren Maß an totaler christlicher Hingabe und mystischer Vereinigung mit dem Gekreuzigten quälte, haben sogar tausend Jahre Platz – mindestens. Üblicherweise eine Marginalie, diesmal ein Gesprächsthema im Publikum: Die Regisseure konzipieren selbst die Pausen diametral unterschiedlich. Verzichtet das vierstündige Schauspiel in Hallein völlig darauf und erstaunt mit geöffneten Türen und hinausgehendem und tatsächlich wieder zurückkehrendem Publikum, so hat Romeo Castellucci für seine Vier-Stunden-Oper ebenso ungewöhnlich zwei einstündige Pausen vorgesehen. Ungewöhnliches freilich gäbe es ohnehin seitenlang zu berichten, was ja auch viele Seiten in den Feuilletons füllt. Hier soll es um den Bogen gehen, der sich zwischen den beiden außergewöhnlichen und unvergesslichen Abenden spannt.
Als es bereits zu spät schien
Stemann bändigt Elfriede Jelineks breiten dystopischen Text „Unter Tieren“ mit einer grellen, klamaukhaften Inszenierung. Da sonst niemand mehr da zu sein scheint, übernehmen es Tiere, zu schildern, was sie an dieser Welt nicht verstehen – und worunter sie leiden. So wie Jelinek Sprache verwendet, ist der Perspektivenwechsel auf die Sicht der Tiere ein adäquates Stilmittel, um unser Fremdeln mit der Welt keinen Augenblick lang zu vergessen. Ihre sprachliche Kunst ist es auch, die in diesem Perspektivenwechsel Raum für Humor findet – bitteren, verzweifelten Humor freilich. Und auch wir Menschen verstehen nur bruchstückhaft, was wir da beobachten, selbst wenn wir es an uns selbst beobachten.
Überhaupt ist der Perspektivenwechsel zu den Tieren nicht endgültig, nicht starr. Eher wirkt er wie eine Überlagerung der beiden Perspektiven. Das kommt auch recht gut bei den immer nur angedeuteten Kostümen zum Ausdruck. So muss für die Darstellung der Kuh ein nur vom Schauspieler vor sich her getragener Kuhschädel ausreichen. Selbst die radikalste Kostümierung, diejenige der Schweine, besteht aus sehr gelungenen Körperkostümen, die aber die Köpfe der Schauspieler völlig frei lassen. Wollte man auch nur die Episode der Schweine schildern, würde man mit der Beschreibung der umgesetzten Ideen alle Grenzen einer Rezension sprengen. Sie wird auch in Jelineks Text mit dem entwaffnenden Satz eingeleitet: „Entschuldigen Sie, das wird jetzt furchtbar lang“. Auch reichlich Instrumente auf der Bühne werden für die Klangkulisse und für Lieder eingesetzt. Durchaus passend hat Jelinek ihre Texte als Monologe vorgegeben. Fortwährend werden Visualisierungen davon auf zwei Bildschirmen und zeitweise zusätzlich der gesamte Bühnenrückraum digital bespielt. Mehr und mehr wächst es sich daher zu einer Herausforderung aus, dem Text tatsächlich zu folgen. Zusammen mit dem Kommen und Gehen des Publikums fügt man sich zunehmend der Einsicht, dass hier gar nicht jeder Satz gehört werden kann – vielleicht aber auch gar nicht muss? Stemann und Jelinek scheinen es mehr darauf angelegt zu haben, das Überleben in dieser unentrinnbaren, pausenlosen Überforderung darzustellen. Es scheint, als wären Menschen daran bereits gescheitert und nur noch Tiere hielten dem – wer weiß wie lange noch – stand.
Wenn Stemann, der selbst durchgehend auf der Bühne mitwirkt, zu Beginn eine Orientierung durch den Abend vorträgt, wird sein listiger Hinweis, sich den Schluss nicht entgehen zu lassen, mit Heiterkeit aufgenommen. Doch er behält recht. Im sehr starken Abschluss, bei dem die Schauspieler ohne jede Tierutensilien sich zu einem antiken Chor der Menschlichkeit zusammenfinden, wird dem blanken Wahnsinn, dem Schreckenszug des Geldes die Option des individuellen Einsatzes der Vernunft entgegengesetzt, der dem verbliebenen Publikum aus dem Herzen spricht: tosender Applaus.
Was nach 800 Jahren übrig bleibt
Wer könnte sich der Mächtigkeit dieses Theatertempels entziehen? Auch wenn modernste Bühnentechnik im Laufe der Aufführung sichtbar wird, wirkt die felsige Rückwand der Felsenreitschule immer noch wie ein archaischer Überrest einer anderen Zeit. Mit der Wucht dieser Wand verschmelzen auch die „Franziskanischen Szenen“, wie Olivier Messiaen seine Oper im Untertitel nannte.
Nicht zuletzt tragen dazu auch die extrem verlangsamten, ritualisierten Bewegungen der Sänger und Schauspieler bei. Fesselnd über den ganzen Abend hinweg bleibt auch die Musik, die völlig in der größtmöglichen Wirkungsentfaltung des Textes aufgeht. Höhepunkte des Abends waren dabei die berühmte Szene, in der es Franziskus die größte Überwindung kostete, einen Aussätzigen zu umarmen und zu küssen. Berühmt wurde auch die lange Episode, in der Franziskus die verschiedenen Gesänge der verschiedenen Vögel bewundert, die ihm zu Geschwistern geworden sind. Hier hat sich der Komponist mit der virtuosen Umsetzung seines vogelkundlichen Wissens ein einzigartiges musikalisches Denkmal gesetzt. Zuletzt noch steigert sich – was kaum noch zu steigern war – das Geschehen weiter. Der Moment des Todes von Franziskus mündet in ein ekstatisches Fortissimo, das den losbrechenden, frenetischen Applaus geradezu zum logischen Teil der Komposition werden lässt. Es ist kaum vorstellbar, davon nicht zutiefst bewegt zu sein.
Noch eine Welt – hinter der Wucht grandioser Aufführungen
Die Unmittelbarkeit eines Theaterabends konnte man so zweimal mehr in vollen Zügen genießen. Ausverkaufte Veranstaltungen zeigen auch, wie viele Menschen dies noch immer zu schätzen wissen. Diese Ansammlung an Können und Talent so vieler Beteiligter, vollends in den Dienst der Vermittlung eines anspruchsvollen Inhalts gestellt, ist also noch nicht aus der Mode gekommen. Auch in der Rückschau auf diese Tage hat sich dieses tiefe Erlebnis weiter verfestigt. Ebenso verfestigt sich aber auch mein Zweifel, ob durch die Bannung der Aufmerksamkeit für die Aufführung unter dem enormen Aufwand der Wiedergabe überhaupt noch genug Raum für die aufgeworfenen Themen selbst bleiben konnte.
Als ich vor zwei Jahren Nicolas Stemanns Zusammenfassung des antiken Orestie-Stoffes auf der gleichen Bühne sah, rankte sich die Handlung um einen der größten zivilisatorischen Fortschritte der menschlichen Gesellschaft: die Überwindung des Gesetzes der Rache durch die Schaffung einer Rechtsprechung. In Jelineks Text hingegen wird ein Blick auf eine Gesellschaft präsentiert, in der das Geld diese und viele andere Errungenschaften wieder rückabgewickelt hat. Viele Textstellen bieten Weisheiten aus der Welt der Geldanlage, des Kapitalismus, der Theorie der Geldschöpfung. Ergänzt wird das durch die vielfache Nennung von verurteilten Wirtschaftskriminellen, allen voran René Benko, aber auch nicht verurteilten bekannten Reichen in Stadt und Land. An Karl Marx’ Eingeständnis fühlte ich mich erinnert, dass der Kapitalismus auch die reichen Kapitalisten selbst unter Druck setzt. Auch die fiktive, KI-generierte Einspielung eines Interviews mit Peter Thiel, in dem er seine Antwort in einen endlosen Monolog überführt, lässt ihn einigermaßen harmlos – ein Vielredner halt – weichgespült erscheinen. Nur konsequent also, dass ihm nach einigen Minuten niemand mehr zuhört und die Handlung einfach weitergeht. Das scheint mir schlüssig als das, was Jelinek und Stemann mit der Parade der Unsympathischen im Sinne gehabt haben könnten: Sie sollten uns nicht als Ausrede dienen.
Von Elbtower, Chrysler-Building, Karstadt-Zwillingstürmen und Upper-West-Tower, die als spektakuläre Finanzierungs- und Sicherstellungshebel den international bestaunten Aufstieg des Immobilien-Superstars René Benko säumten, schafft es nur das Lamarr-Einkaufszentrum auf die Bühne. Doch scheinen mir diese gescheiterten Turmprojekte eine recht gute Metapher für jene oft kurzlebigen Siegeszüge des Kapitals mit seinem systemimmanenten, oft kriminellen Scheitern zu sein, dessen fatale und schmerzhafte Auswirkungen Jelinek hier auf der Bühne darstellt.
Türme kennzeichneten nämlich auch die Lebenszeit des Franz von Assisi. Wie in vielen Städten Italiens waren auch in Assisi die Adeligen in oft genug ruinöse Wettbewerbe um den höchsten Turm der Stadt verwickelt, ehe reich gewordene Bürger und Handelsleute in Aufständen und einem nachfolgenden Krieg gegen Perugia die schicken Türme der Adelsgeschlechter dem Erdboden gleichmachten. Mit dem Friedensabkommen zwischen den Adeligen (Maiores) und den Bürgern (Minores) wurde das städtische Leben in Assisi neu geregelt.
Zu eben diesem Zeitpunkt nun legt ein nach zweijähriger Kriegsgefangenschaft radikal geläuterter Giovanni di Pietro di Bernardone bei einer öffentlichen Gerichtsverhandlung vor aller Augen seine vornehmen Kleider, seinen gesellschaftlichen Status, einfach sein ganzes bisheriges, geordnetes Leben ab. Nackt also, schutzlos und völlig auf sich allein gestellt beginnt nun das Leben des Francisco, aus dem die Oper eindrückliche Szenen vermittelt.
Man darf es dem Komponisten und Librettisten Messiaen hoch anrechnen, dass er vieles an Franziskus’ theologischer Sicht so stehen lässt, wie man es aus den bekannten Quellen kennt. Hier wird nichts an jüngere theologische Strömungen angepasst. Hingegen setzt er voll und ganz auf die möglichst eindrückliche Betonung des Mystischen im Denken und Handeln des Heiligen. Ungeschönt allerdings werden daher auch die düsteren Ängste sichtbar, die in seinem fortwährenden Flehen an Gott zutage treten, ihn noch fähiger zu machen, selbst das allergrößte Leiden mit Freude zu ertragen. Weder die Überwindung, einen Aussätzigen zu umarmen, noch das Flehen danach, die Schmerzen Christi bei der Kreuzigung selbst am eigenen Körper zu erleben, auch nicht die tatsächliche Stigmatisierung bringen das Gefühl zum Verschwinden, dass das für Gott nicht genug sein könnte.
Ein weiterer wichtiger Schlüssel zum Stellenwert des Mysteriums in seinem Leben ist ein Satz des „musizierenden Engels“: „Die Musik trägt uns zu Gott durch den Mangel an Wahrheit“ („La musique porte à Dieu par le défaut de vérité“). Wo die absolute Wahrheit den Menschen blenden würde, wird das Musische zum überbrückenden Pfad des Glaubens. Staunen ist wohl die angebrachte Sichtweise auf die Gedankenwelt eines Menschen des 13. Jahrhunderts. Ich würde aber das seit dieser Zeit über die reale Welt um uns und über uns Menschen zugänglich gewordene Wissen nicht als Blendwerk stehen lassen. Am ehesten dort, wo wir jedes neue Erkennen gleich als endgültig und unüberholbar darstellen. Sehr deutlich lässt sich durch ein Denken wie das des Philosophen Baruch de Spinoza der Zuwachs an Verständnis der Welt auch als Weg zu einem Verständnis Gottes lesen. Dies schließt auch das Verständnis der Rolle des Irrtums mit ein und – ebenfalls ein Thema bei Franziskus – das Verständnis der Tiere und die Art ihrer sehr konkreten, über Jahrmilliarden bis hin zu LUCA (dem gemeinsamen Urahn allen Lebens) zurückreichenden Verwandtschaft mit uns. Was in diesem verkürzten Diskurs allerdings Platz finden muss, ist die erst dadurch mögliche Öffnung einer anderen, angstfreien Beziehung zu Gott. Angstfrei - das war die Welt des Franz von Assisi nicht.
In seinem Gebet „Zeige mir, wie groß die Überfülle an Zartheit ist, die Du denen vorbehalten hast, die Dich fürchten ...“ wird diese allen Anstrengungen zugrunde liegende Haltung ausgedrückt, die nicht ohne jene Furcht vor jenem Urteil auskommen mag. Auch die Sorge vor dem zweiten Tod (der ewigen Verdammnis) bleibt immer gegenwärtig.
Kann man Gottesfurcht im Jahr 2026 noch so aussprechen? Man kann es nicht. Aber der historische Franziskus hat es wohl getan. Wenn wir uns die menschliche Fähigkeit zur Reflexion nicht nehmen lassen, können wir aus dem Denken des Franz von Assisi und aus den so extrem verschiedenen Monologen der betrogenen Tiere die Schlüsse ziehen, die es heute braucht. Wollen wir uns dem heute noch stellen, wieder stellen, schon wieder stellen? Die Freiheit der Kunst verbietet nicht diese oft eigentümlichen Betonungen, die durchaus möglichen Schwächen, die so ganz und gar nicht ausgewogenen, oft erschreckenden Blickwinkel. Wollen wir uns der Realität stellen, in der wir stehen, sollten wir offen für diese Zugänge bleiben. Auch in der intellektuell redlichen inhaltlichen Ablehnung erwächst uns Nützliches, kommen wir doch dem Anliegen eines Andersdenkenden auf die Spur.
Hinter die Wucht der perfekten Aufführungen zu blicken, lohnt allzumal. Auch der in antiker Theatertradition stehende Chor der Tierdarsteller hat mich erinnert: Wir leben in einer Zeit, in der wir noch das Szenario "Unter Tieren" verhindern können. Aber auch: Wir leben in einer Zeit, in der wir es tun sollten.
So kann man das aber nicht sehen! oder: so sehe ich das auch?
oder: was übersehen? wie auch immer, Reden wir drüber!
Haben diese Gedanken Ihr Interesse geweckt oder gar Widerspruch in Ihnen ausgelöst? Lassen Sie uns unbedingt im Kommentarbereich dieses Beitrags wissen, wie Sie das Spannungsfeld zwischen den unperfekten Realitäten unserer Demokratien, dem Reichtum historischer Mythen und den „größeren Hoffnungen“ der Gegenwart wahrnehmen!
Wir laden Sie herzlich ein, dauerhaft Teilnehmer auf unserer Plattform „Themen nach Zwölf“ zu werden. Als registrierter Teilnehmer erhalten Sie unsere neuesten Blogbeiträge und Essays ganz bequem per Newsletter direkt in Ihr Postfach. Zudem bleibt dieses ausführliche Transkript für Sie dauerhaft in unserem exklusiven Teilnehmerbereich abrufbar und gesichert, damit Sie jederzeit darauf zurückkommen können.


Kommentare