Bitte nicht nochmal Krähwinkel!
Warum jetzt die Stunde der Fehlerkorrektur schlägt
„Der Bürger will Freiheit, doch wohlfeil und dauer – vor allem ohne Anstrengung.“ — Johann Nestroy, Freiheit in Krähwinkel (1848)
Blicken wir in diesen Herbsttagen mit etwas Abstand auf die politische Landschaft in Deutschland und Österreich, zeigt sich ein bemerkenswert verwandtes Bild. Die beiden Nachbarländer sind sich – nicht zuletzt durch veränderte Mehrheitsverhältnisse und die zähen Notwendigkeiten bunter Regierungskoalitionen – in ihrer Grundstimmung überraschend ähnlich geworden. Der erste laute Sturm der Wahlschocks in den deutschen Bundesländern und der nervösen Personaldebatten hat sich vorerst gelegt. Nach den unausweichlichen Diskussionen um Parteispitzen und Obmannwechsel – ob um Friedrich Merz in Berlin oder um Andreas Babler in Wien – bemühen sich die Verantwortlichen diesseits wie jenseits der Grenze sichtlich, wieder Tritt zu fassen. Man versucht redlich, die aufgewühlte Stimmung im Land durch handfeste Sacharbeit und herzeigbare Resultate zu beruhigen.
Dieses Szenario anzuerkennen, ist nur fair: Es wird verhandelt, gerechnet und an tagesaktuellen Schrauben gedreht. Doch bei genauerem Hinsehen mündet auch dieser fleißige Pragmatismus in dieselbe alte, gefährliche Denkfalle: Schon wieder keine Zeit für Grundsätzliches ?
Weil man das nächste Budget absichern, Koalitionsdisziplin wahren und alltägliche Brände löschen muss, wird die eigentliche Frage – die tiefe Entfremdung und das sichtbare Erschöpfen unseres demokratischen Betriebssystems – einmal mehr auf unbestimmte Zeit vertagt. Man hofft, mit ein wenig mehr geschäftiger Betriebsamkeit über die Runden zu kommen, während das tektonische Beben an den Rändern der Republik ungerührt weiterarbeitet. Und: ruhigere Tage werden da nicht kommen, Wäre es daher nicht klug, den unbestritten nötigen Blick nach vorne in Angriff zu nehmen? Ein besonderes Fundstück hält dazu überaus bemerkenswerte Erfahrungen bereit. Statt das Rad neu zu erfinden, können wir auch 178 Jahre zurückblättern – in den Wiener Revolutionssommer 1848.
Der Husarenstreich von 1848: Nestroys Satire gegen die bequeme Ohnmacht

Am 1. Juli 1848, kaum dass die Zensur des Metternich-Regimes unter den Barrikadenkämpfen zusammengebrochen war, brachte Johann Nestroy im Theater an der Wien seine Posse „Freiheit in Krähwinkel“ auf die Bühne. Es war ein Husarenstreich sondergleichen. Während ringsum wohlmeinende Dichter pathetische Freiheitsgesänge anstimmten, tat Nestroy etwas Unerhörtes: Er hielt den Bürgern der fiktiven Kleinstadt Krähwinkel einen unbarmherzigen Spiegel vor. Seine Satire traf die erstarrte Bürokratie, den Zensor und den Bürgermeister – doch mit noch viel schärferer Klinge traf sie die Spießbürger selbst. Jene Untertanen, die sich über Nacht revolutionäre Kokarden an den Hut steckten, aber beim ersten Windhauch ängstlich tuschelten: „Ums Himmelswillen, d’ Freiheit wird doch ka Malheur net wer’n?“
Nestroy schuf in der Gestalt des gewitzten Zeitungsredakteurs Eberhard Ultra das zeitlose Gegenbild zum feigen Mitläufertum. Ultra entlarvte, woran der Aufbruch zur Mündigkeit im Kern krankt: An der Sehnsucht nach einer Freiheit, die nichts kosten darf. An der Bequemlichkeit des Stammtischs, der lauthals über die Obrigkeit schimpft, sich aber insgeheim davor fürchtet, selbst Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.
Das Linzer Exil: Stifters Warnung vor dem rohen Lärm
Doch die Wiener Revolution hatte noch ein zweites Gesicht. Es entbehrt nicht einer tiefen kulturgeschichtlichen Ironie, dass exakt in jenen Maitagen 1848, als der kaiserliche Hof nach Innsbruck floh und Nestroy an seiner Posse feilte, ein anderer großer österreichischer Zeitzeuge fluchtartig seine Wiener Wohnung verließ: Adalbert Stifter packte die Koffer und übersiedelte nach Linz. Stifter floh nicht aus Feigheit vor der Freiheit, sondern aus Entsetzen über die Verrohung. Ihm, dem glühenden Verfechter von Humanität und Bildung, fehlte in den radikalen Revolutionsparolen und den Straßenkämpfen die entscheidende Zutat der echten Aufklärung: die innere sittliche Mündigkeit, die Selbstbeherrschung und die Vernunft. Er sah mit Schrecken, wie schnell der Ruf nach Befreiung in rohe Demagogie und Einschüchterung umschlug. Die radikalen Zeitgenossen verhöhnten ihn dafür prompt als weltfremden „Käferdichter“, der lieber Grashalme zähle, als die Barrikaden zu stürmen.
Doch Stifter wusste genau, was er tat: In der Vorrede zu seinen „Bunten Steinen“ formulierte er später sein zeitloses „Sanftes Gesetz“. Echte, dauerhafte Veränderung zum Besseren erwächst niemals aus dem gewaltsamen Sturm oder dem blinden Umsturz, sondern aus dem stillen, beharrlichen Wachsen der Vernunft, der geduldigen Charakterbildung und der sittlichen Reife im Alltag.
Das falsche Bild: Warum die Populisten keine Freiheitskämpfer sind
Hier entfaltet Nestroys Volksstück, das im kurzen zensurbefreiten Theatersommer 36 mal aufgeführt wurde, seine wahre Stärke. Es verweigert sích der Versuchung, aus dieser Zeit einfache Lehren zu ziehen. Und: es weist auch einen Weg, sich den sonst vorgezeichneten Kater nach der aufgeheizten Rede im Bierzelt zu ersparen. Nachdem alle Nichtgesinnungsgenossen fein säuberlich in Idioten und Gauner aufgeteilt sind und die allesamt beim Erwachen am nächsten Morgen immer noch da sind, sind Kopfschmerzen unvermeidlich.Gut also, dass die Idealisierung der Revolutionäre aufgrund des mangelnder Geschichtskenntnisse nicht allzu verbreitet ist. Schlecht aber, dass auch die so gut ersichtlichen Lehren daraus vor allem denen bekannt sind, die schon mal bei Nestroy nachgeschlagen haben. Und doch sind die Rufe und die Ansprüche und die Verachtung gegenüber den anderen von bestürzender Ähnlichkeit und ähnlich weit weg von der Realität.
Nestroys Ultra kämpfte für die Erweiterung der Freiheit – für Pressefreiheit, individuelle Mündigkeit und Bürgerrechte. Die antiliberalen Kräfte von heute wollen das genaue Gegenteil: Sie wollen hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurück. Sie streben nach autoritärer Homogenität, völkischer Ausgrenzung und der Zerstörung unabhängiger Institutionen. Sie sind keine Revolutionäre der Freiheit, sondern reaktionäre Brunnenvergifter, die das gesellschaftliche Vertrauen vergiften, um autoritäre Machtverhältnisse zu zementieren. Und die alten Volksparteien? Sie sind kein Ancien Régime von Gottes Gnaden, das aufs Schafott gehört. Sie sind das historische Werkzeug einer parlamentarischen Nachkriegsordnung, die jedoch heute an einer gefährlichen Entfremdung leidet: Abgesichert durch 225 Millionen Euro jährliche Parteienförderung auf Bundesebene, verharren sie im Verteidigungsreflex ihrer eigenen Pfründe, anstatt das System mutig weiterzuentwickeln.
Die andere Sicht: Drei unschätzbare Chancen für das 21. Jahrhundert
Weder Nestroys galliges Lachen allein noch Stifters stiller Rückzug nach Linz genügen für die Gegenwart. Doch dass wir heute im 21. Jahrhundert auf diesen reichen historischen Erfahrungsschatz blicken dürfen, ist kein erdrückendes Erbe – es ist ein unschätzbares Geschenk. Wir stehen den Erschütterungen unserer Epoche keineswegs mit leeren Händen gegenüber. Aus den Lektionen der Aufklärung und den Zäsuren der Geschichte erwachsen für uns drei ganz konkrete, ermutigende Chancen :
Die Chance des Nestroy’schen Scharfsinns – Das Geschenk des befreienden Lachens: Wir besitzen mit der Tradition der Satire und des unbestechlichen Witzes das wirksamste Werkzeug gegen jede Form von Denkfaulheit. Wir haben die Freiheit, die wohlfeilen Ausreden erstarrter Parteien ebenso wie das bequeme Gejammer des Stammtischs heilsam zu entlarven. Dieses Lachen befreit uns von der Illusion, Demokratie sei ein unkritisches All-inclusive-Hotel, und schenkt uns den Mut, Fehlentwicklungen ohne falsche Ehrfurcht beim Namen zu nennen.
Die Chance von Stifters sittlicher Vernunft – Das Geschenk des „sanften Gesetzes“: Wir dürfen aus den bitteren Umwegen der europäischen Geschichte lernen und wissen: Haltbare Freiheit entsteht niemals aus dem rohen Krawall von Demagogen, sondern aus dem geduldigen Wachsen von Mündigkeit und Charakter. Wir verfügen mit dem berühmten Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde über den Schlüssel zum Verständnis unserer Ordnung: Ein freiheitlicher Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Diese sittliche Substanz durch beharrliche Bildung, Vernunft und Zivilcourage im Alltag lebendig zu halten, ist keine lästige Pflicht, sondern das vornehmste Privileg mündiger Bürger.
Die Chance der praktischen Reparatur – Das Geschenk der unblutigen Fehlerkorrektur: Wir haben mit Karl Poppers Denken das vielleicht kostbarste intellektuelle Werkzeug der Moderne zur Hand: Die befreiende Einsicht, dass die Stärke einer offenen Gesellschaft nicht in einer behaupteten Unfehlbarkeit liegt, sondern in ihrer einzigartigen Fähigkeit, Irrtümer unblutig zu korrigieren. Demokratie ist kein starres Monument, sondern ein offener Werkraum. Dieses Prinzip institutionell mit Leben zu füllen – etwa durch das Einbinden des besten Wissens des Landes und eine überparteiliche Innovationsinstanz wie die Fernvision eines Demokratierats –, ist die greifbare Gestaltungs-Chance unserer Generation.
Hier schließt sich der Kreis zu meiner Erkundung als engagierter Bürger auf eigene Rechnung: Wir brauchen Orte des Nachdenkens und der institutionellen Innovation. Die Ruhe nach dem Sturm ist da. Nutzen wir sie nicht zum Weiterschlafen. Verbinden wir Nestroys Witz mit Stifters Vernunft – und ergreifen wir die Chancen zur Reform an Haupt und Gliedern !
SERVICE - TEIL: Das Buch zur Debatte: Die ausführliche philosophische und staatsbürgerliche Grundlegung zur Überwindung der „bequemen Ohnmacht“ und das vollständige Reformkapitel „Fähigkeit zur Korrektur – kein Ruhekissen“ (S. 185 ff.) finden Sie in meinem Buch „FÜNF NACH ZWÖLF – Zeit für größere Hoffnungen“. 👉 Hier direkt im Plattform-Shop informieren & bestellen
Ihre Meinung im Werkraum: Wie erleben Sie die gegenwärtige Atempause zwischen Resignation und Reformbedarf? Gibt es in Ihrem Umfeld Orte, an denen Korrekturwilligkeit spürbar wird? Nutzen Sie die Kommentarfunktion unter diesem Beitrag oder schreiben Sie mir direkt und persönlich an reden@themen12.at – ich antworte auf jede ernsthafte Zuschrift auf Augenhöhe !
Blick über den Tellerrand („Was andere schrieben“): In den kommenden Tagen erscheint in unserer Rubrik Medien-Scout eine kommentierte Rundschau zu ausgewählten Leitartikeln und Stimmen aus Feuilleton und Wissenschaft, die den jüngsten Wahlschock und das Reformvakuum unserer Demokratien analysieren.



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