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ZÄSUR! ECHT JETZT?

vor 10 Stunden
4 Min. Lesezeit


Das Wort von der Zäsur macht unaufhaltsam die Runde. Der Kampfbegriff der Wahlsieger von Sachsen-Anhalt ist in Windeseile zur Tatsachenfeststellung aufgestiegen. Damit folgt man bereitwillig dem Wording und gibt es aus der Hand, die unbestreitbare Tatsache eines fulminanten Wahlsieges und

seiner unbestreitbaren Dynamik in die Schranken der Wirklichkeit abseits von Wahlveranstaltungen zurückzuweisen.


Wie aber auf die bekannt aggressiven Töne reagieren ? Die Mühen demokratischer Abläufe haben viele unbefriedigende Kompromisse generiert, auf die sich leicht als Faktum verweisen ließ. Das, was nun von den Redepulten zur aggressiven Kritik auch gleich versprochen wurde, waren hingegen noch keine Fakten, auf die man seriös verweisen konnte. Real feststellbaren und unschwer kritisierbaren Mängeln stehen somit möglicherweise viel katastrophalere, aber noch nicht sichtbare Auswirkungen von Ankündigungen gegenüber. Diese Schere zu nutzen, darin haben es oppositionserfahrene Masterminds zu großer Meisterschaft gebracht.


Die bis zum Überdruss kolportierte Zahl von 43,8 Prozent der Wählerstimmen verdient ohnehin eine etwas reflektiertere Betrachtung. So fehlen da immerhin noch 56,2 Prozent der Wahlberechtigten, die noch immer nicht überzeugt sind von der totalen politischen Wende, die nun anbrechen könnte. Riesige Stimmenmehrheit, absolut ! Bezieht man den Erdrutschsieg statt auf die abgegebenen Stimmen auf alle Wahlberechtigten, landen wir bei immer noch beachtlichen 34,1 Prozent. Von den Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt haben also mit 65,9 Prozent beinahe zwei Drittel NICHT die AfD gewählt. Einmal geht’s noch : Selbst diese Relativierung kann man durchaus seriös noch weiter auf die Spitze treiben. Von den AfD-Wählern gaben etwa 50 bis 60 Prozent an, dass sie der AfD wegen ihrer politischen Forderungen ihre Stimmen gaben. Auch dies wiederum auf die Wahlberechtigten übertragen : Es bleiben dann etwa 20 Prozent übrig, von denen man seriös sagen kann, dass sie die Inhalte der AfD unterstützen. Eingestehen muss man bei dieser Überlegung, dass auch unter den Nichtwählern sicherlich einige ihre Forderungen unterstützen, obwohl sie nicht zur Wahl gingen.

Wozu aber breite ich solche Rechenbeispiele hier aus ? Wir werden in den kommenden Wochen noch bis zum Überdruss hören und lesen, die Mehrheit im Land hätte sich nun von hätte sich nun von ihren durchwegs gewagten Thesen überzeugen lassen. Es geht dabei definitiv unter, dass selbst eine große Mehrheit der abgegebenen Wählerstimmen noch nicht die tatsächliche Mehrheit im Bundesland reflektiert. Diese einfache Binsenweisheit, die für alle noch so korrekt gezählten demokratischen Wahlergebnisse immer schon galt, ist aber bei dieser Wahl wegen des vehementen Anspruchs der Wahlgewinner von Bedeutung. Eine unbedeutende, unbelehrbare Minderheit, die nicht gleicher Meinung mit der AfD ist, darf sich nämlich nichts Gutes erwarten. Existenziell wird die Frage für die an den Pranger gestellten Ausländer, aber auch andere, die nicht in das einfache Konzept passen. So wird der moralische Anspruch, jetzt ja demokratisch legitimierter Vertreter der Mehrheit der Menschen im Lande zu sein, sehr schnell zu einer Legitimierung für schon angedrohte Maßnahmen gegen Andersdenkende. Der Eiertanz um die magische Prozentzahl ist also eine der medialen Verkürzungen, denen wir in diesen Tagen neuerlich ausgesetzt sind. Und er hilft nur denen, die bekanntermaßen meisterhaft mit Verkürzungen umgehen können.


Diese Hilfe sollten wir der AfD vorenthalten. Diese vom Wahlsieger geliebte Sprachregelung - eine Zäsur in der Meinung der Menschen stellvertretend zu exekutieren, sollten wir weder für Sachsen-Anhalt, aber schon gar nicht im Hinblick auf das gesamte Land bereitwilligst übernehmen. Wie schon die in wenigen Zeilen darstellbar, wird mit dem von den Wahlsiegern vereinnahmten Begriff eine Unwahrheit transportiert. Diese Arbeit sollten wir ihnen nicht so kostenlos abnehmen., denn auch weiterhin denkt die Mehrheit der Menschen in Sachsen Anhalt nicht so!


Was aber bisher in den wissenschaftlichen Daten bereits ablesbar war und nun wie der böse Geist aus der Flasche schlüpfte, hat noch immer zu keiner adäquaten Reaktion der anderen Parteien geführt. Auf dem schlüpfrigen Terrain der Schlammschlachten und gegenseitiger Vernaderungen trifft man ohnehin auf einen äußerst erfahrenen Gegner. Hingegen gilt es endlich, den eigentlichen Trumpf ins Feld zu führen. Es ist dies die grundsätzliche Zulassung wissenschaftlicher Erkenntnis, die unter anderem bedeutet, sich in einem ständigen Verbesserungsprozess zu befinden. Dies offensiv zu kommunizieren und als die wahre Stärke, als das größte Potenzial übergreifender Zusammenarbeit unter Menschen in Erinnerung zu rufen – das ist bislang leider kaum zu erkennen. Diese Sicht erfreut sich größter geistes- und naturwissenschaftlicher Rückendeckung – existiert für die Öffentlichkeit bislang jedoch am Rande der Unsichtbarkeit. In meinem Buch „FÜNF NACH ZWÖLF – Zeit für größere Hoffnungen“ ziele ich vor allem auf dieses Potenzial ab.


Es ist nicht in ein paar Zeilen zu pressen, wie dieser Schatz gehoben und genutzt werden kann. Klar ist aber, dass die Notwendigkeit, damit endlich zu beginnen, noch nie so groß war. Parteiüber-greifende, transparent verfolgbare und verständlich kommunizierte Anstrengungen, das politische System ernsthaft zu verbessern, würden Unterstützung und Stiftungsgelder im größten Ausmaß verdienen. Initiativen, die von den Parteien nicht ohne Gesichtsverlust abgelehnt werden können, könnten hier einen Weg bahnen – einen Weg, der freilich nicht schon in wenigen Monaten Wunderdinge vorweisen wird können. Das muss er auch nicht. Wenn eine solche Initiative beweisen kann, dass sie an wirklich essenziellen Dingen arbeitet, könnte sie unserer Demokratie genau jene Zeit kaufen, die diese für die notwendigen Vorarbeiten braucht.


Sie lesen weiterhin darüber. Hier auf meinem Blog (und seit kurzem auch auf substack). Bleiben wir dran. Es lohnt sich für uns und für unsere Nachkommen.

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