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EIN BÜRGER LÄSST NICHT LOCKER

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Ein YouTube-Beitrag in russischer Sprache, veröffentlicht am 17. Juli 2026, lässt mir keine Ruhe. Dmitrij Muratow hat eine ungewöhnliche Form gewählt, um auf sein nicht minder ungewöhnliches Anliegen aufmerksam zu machen. Der russische Friedensnobelpreisträger von 2022 liest in dem Video den von ihm verfassten Brief an die russische Staatsanwaltschaft vor. ( Im Teilnehmerbereich auch in Vorschau einsehbar).


In diesem Video erfährt man, dass er in seiner Petition die strafrechtliche Überprüfung von öffentlichen Äußerungen hochrangiger Amtsträger und Medienfiguren fordert, die zum Einsatz von Atomwaffen aufgerufen haben. Er listet sie akribisch auf – von Jurij Knutow, dem Direktor des Museums für Luft- und Flugabwehr, über den stellvertretenden Sicherheitsratschef Dmitri Medwedew bis hin zum tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Mit der ihm eigenen Nüchternheit verweist er auf die schwer bestreitbare Existenz eines russischen Gesetzes – namentlich den Artikel 354 des Strafgesetzbuches, der den Aufruf zu einem Angriffskrieg unter Strafe stellt.


Es passt zu ihm, dass er die Petition schlicht als Bürger Dmitrij Muratow unterzeichnet, bevor er sie in den vorbereiteten Umschlag steckt, diesen verschließt, mit großem Stift die Moskauer Adresse auf den Umschlag setzt, Briefmarken anbringt (eine Briefmarke zusätzlich – zur Sicherheit) und per Kamera-Rundumschwenk in seinem Büro alle Utensilien und Wandposter zeigt, die die Staatssicherheit vielleicht interessieren könnten. Dann verschließt er die Türe – nicht ohne das auf der Tür angebrachte Schild klar ins Bild zu setzen, damit jemand, der diese Räumlichkeiten aufsuchen will, auch nicht zu lange suchen muss...


Die erwartbare Mauer des Schweigens

Es gibt, wenig überraschend, keine Berichte, keine Gegendarstellungen, keine Rechtfertigungen. Ich habe über eine KI-gestützte Beobachtungsroutine eingerichtet, die seit der Präsentation der Petition im Internet täglich das Netz nach Reaktionen vonseiten offizieller Medien oder der kritisierten Personen durchsucht. Bis zum heutigen Tag ist keine offizielle Stellungnahme bekannt geworden.


Muratow ist allerdings nicht einer, der daran verzweifeln würde. Zu gut kennt er das System und die Regeln, mit deren Hilfe es sich behauptet. Seine jahrzehntelange Arbeit bei der unabhängigen Zeitung Nowaja Gaseta gab ihm reichlich Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. Was er dabei besonders perfektioniert hat, ist die Konzentration auf das, was zwischen heroischem Heldentod und dem feigen Wechsel auf die Seite des Systems gleichsam als „dritter Weg“ möglich ist. Bislang haben ihm die Intimkenntnis der russischen Gesetze und deren Anwendung, gepaart mit dem fragilen Schutz seines Friedensnobelpreises, die Freiheit bewahrt. Auch wenn sich das angesichts der ansteigenden Nervosität im Kreml stündlich ändern kann, wurde er bisher wohl als minder gefährlicher Stachel im Fleisch des Systems betrachtet.


Dieser Vorläufigkeit gewahr, trägt er auch weiterhin keinen demonstrativen Optimismus zur Schau. Wahrscheinlich wäre ihm das bekannte Zitat von Václav Havel um eine Spur zu pathetisch, der einst meinte:


„Hoffnung ist definitiv nicht dasselbe wie Optimismus. Sie ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“


Und doch lebt Muratow genau diese Art von aufmüpfiger Hoffnung, die man nicht mit naivem Optimismus verwechseln sollte. Hat all das etwas mit uns zu tun? Ich meine: unbedingt!


Wo unser Heldenmut doch gebraucht wird: zur Überwindung unserer Bequemlichkeit

Der Unterschied zwischen Muratows Moskau und unserem westeuropäischen Alltag könnte schließlich auf den ersten Blick kaum größer sein. Wir riskieren keinen Gefängnisaufenthalt, wenn wir unsere Meinung sagen, und wir müssen unsere Türen nicht für die Staatssicherheit unverschlossen halten. Und doch verbirgt sich genau hier ein gefährlicher gedanklicher Stolperstein. Wir neigen im sicheren Wohlstand dazu, uns in eine „wohlige Ohnmacht“ zurückzuziehen. Wir betrachten die Demokratie allzu oft wie eine einmal gekaufte, bequeme Dienstleistung – als einen wohlverdienten Lohn für unser braves Staatsbürgerdasein.


Doch wenn wir die Verantwortung für das System an „die da oben“ abgeben, tun wir im Grunde genau das, worauf die Autokraten dieser Welt spekulieren: Wir werden träge, wir machen unseren faulen Deal mit einem System, das wir insgeheim immer mehr verachten, und überlassen so das Spielfeld kampflos jenen, die vornehmlich an unseren Wählerstimmen interessiert sind.


Muratows stiller Trotz zeigt uns, dass Selbstermächtigung sehr leise beginnen kann: indem wir schlicht das Recht auf eine eigene Meinung, auf ein eigenes, wohlüberlegtes Urteil nicht mehr fahrig aus der Hand geben. Damit ist der heute von uns geforderte Heldenmut bereits gut beschrieben: das im Alltag Mögliche nicht ungetan zu lassen.


Florian Kliman, August 2026



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2 Kommentare


jhinterleitner
vor 4 Tagen

Da ich während meiner fast 20 Jahre in den baltischen Staaten auch viele russischstämmige Menschen kennen und schätzen gelernt habe, stelle ich mir häufig die Frage: Wann werden sich die Menschen Russlands als Volk ihrer Vergangenheit stellen und die grausamen Ereignisse in ihrer jüngeren Geschichte einer Aufarbeitung unterziehen? Ohne eine ehrliche Aufarbeitung wird Russland nur einen Bruchteil des Potentials seiner Menschen heben und zur Entfaltung bringen können.


Anstatt die Menschheit mit dem Schatz dieses Potentials zu bereichern, kommen nach einer kurzen Phase der Öffnung wieder hauptsächlich Drohungen und aggressive Politik aus dem Kreml. Russland hat mit seinem Rohstoffreichtum und mit dem exzellten Potential seiner Menschen sehr gute Voraussetzungen, um die Menschheit zu bereichern, zu begeistern und zu beschenken. Anstatt dessen…


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petlad2010
vor 5 Tagen

Hallo Florian,


"Спасибо большое" (Spasibo bolshoe) Besten Dank, dass Du wiederholt und tiefgehend Deine Leser aufmerksam machst auf die Initiativen des Dmitry Muratov, mit denen er seine Freiheit und Verantwortung im bereits wieder sowjetisierten Russland wahrnimmt und öffentlich verlautbart. Er, seine noch in Russland verbliebenen Mitarbeiter der „Novaya Gazeta“ und die in der Immigration publizierte „Novaya Gazeta Evropa“ („Новая Газета Европа“ link: https://novayagazeta.eu/ ) leisten einen unschätzbaren Beitrag dafür, dass die Stimme des Gewissens in Russland nicht verstummt bzw. verloren geht.

Nach 40 Jahren beruflicher Tätigkeit in Rußland habe ich das Land und seine Bewohner trotz vieler Mißstände und Fehlentwicklungen tief ins Herz geschlossen. Seit sich im Laufe des Jahres 2022 meine Hoffnung auf eine rasche Lösung des Konfliktes zwischen der…


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