Hat man SIEGFRIED Vor dem DRACHEN gerettet?
- Florian Kliman
- 2. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Juni

Milo Rau, Peter Thiel und das Einfallstor der Unkenntnis
Milo Rau, der Intendant der Wiener Festwochen, hatte etwas Bemerkenswertes vor: Er wollte den Tech-Milliardär Peter Thiel am 7. Juni gemeinsam mit dem Theologen Wolfgang Palaver einer öffentlichen Diskussion stellen. Der Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik?“ passte perfekt zum diesjährigen Festwochen-Motto Republic of Gods – einem Rahmen, der treffend thematisiert, wie eifrig unsere angeblich so areligiöse Gesellschaft allerhand neue Götter erschafft. Doch dazu kam es nicht. Da immer mehr teilnehmende Künstler dies vehement ablehnten, zog Rau die Einladung zurück.
Warum bemühe ich hier das Bild von Milo Rau als Siegfried vor dem feuerspeienden Drachen? Ist es nicht reichlich naiv, einen mit allen Wassern gewaschenen Demagogen wie Thiel zu einem offenen Diskurs herauszufordern? Gewiss. Doch andererseits ist Siegfrieds Naivität untrennbar mit seiner Furchtlosigkeit verbunden. Natürlich ist Furchtlosigkeit allein noch keine Erfolgsgarantie. Aber erst eine mutig abgehaltene Diskussion hätte überhaupt die Möglichkeit einer echten Entzauberung geboten – nicht zuletzt, da mit Wolfgang Palaver ein ausgewiesener Kenner der Materie auf dem Podium vorgesehen war. Ich bekenne mich zu meiner empathischen Neugier: Zu gerne hätte ich gesehen, ob dem „König Thiel“ auf diese Weise nicht doch ein Zacken aus der Krone zu schlagen gewesen wäre. Zumal die tauglichen alternativen Versuche, ihn intellektuell zu stellen, ohnehin nicht allzu zahlreich sind.
Warum aber fasziniert und ängstigt ein Mann wie Thiel überhaupt so sehr? Er webt aus Elementen des ultralibertären Transhumanismus und christlich-apokalyptischem Vokabular eine ebenso faszinierende wie verstörende Ideologie. Thiel spricht vom nahenden „Antichristen“ und beruft sich auf das „Katechon“ – jene mystische Instanz der Bibel, die das Ende der Welt aufhalten soll.
Dass ein hochintelligenter Investor mit solch mittelalterlich anmutenden Narrativen nicht einfach als Sektierer abgetan wird, liegt an einer fatalen gesellschaftlichen Entwicklung, die ich in Fünf nach Zwölf ausführlich beschreibe: dem wachsenden religiösen Analphabetismus. Weil das fundierte Wissen über die historischen Entstehungsgründe der Bibel und ihre menschlichen Autoren wegbricht, entsteht ein gefährliches „Einfallstor der Unkenntnis“. Dieses theologische Vakuum macht es leicht, sich einzelne Versatzstücke herauszugreifen, um autoritäre Machtansprüche quasi göttlich zu legitimieren. Der Jesuit Klaus Mertes bestätigt diese Diagnose exakt: Er wirft Thiel vor, die Geschichten der Bibel zu missbrauchen, und hält fest, dass gerade kirchenferne Menschen aus reinem Mangel an theologischer Bildung für diese Art von Fundamentalismus anfällig sind. Kombiniert mit der Blendgranate seines unbestrittenen wirtschaftlichen Erfolgs wird Thiels Ideologie so zu einer hochwirksamen intellektuellen Falle.
Indem die Festwochen vor der Konfrontation zurückschreckten, haben wir die Chance verpasst, dieses ideologische Konstrukt auf offener Bühne zu entzaubern. Die Demokratie nach Karl Popper ist eben kein geschützter Wohlfühlort, an dem wir das Unbequeme einfach absagen können. Sie ist ein „offener Werkraum“, der die Bereitschaft zur mühsamen Fehlerkorrektur und zum furchtlosen Diskurs zwingend erfordert. Thiel einfach nicht zuzuhören, mindert seinen globalen Einfluss nicht im Geringsten. Hätte man ihn nicht vielmehr in die Situation bringen können, einem intelligenten Gegenentwurf zu elitären CEO-Monarchien und apokalyptischen Angstfantasien zuzuhören? Ließen sich den Hoffnungen für eine kleine Minderheit nicht tatsächlich unsere „größeren Hoffnungen“ entgegensetzen – multilaterale, nachhaltige und demokratisch legitimierte Lösungsansätze? Eine säkulare Ethik, die uns dabei hilft, die Lehren der Menschheitsgeschichte zu lohnenden Lebensentwürfen zu formen? Eine angstfreie Beschäftigung mit dem Sinn und Ursprung von allem Existierenden? Ein großes, selbstbewusstes Ja lässt sich dem entgegenhalten. Das sollte uns auch weit über diesen Tag hinaus eine wertvolle Anregung bleiben.
Tatsächlich gibt es Größeres als alte, geheimnisvoll fesselnde Erzählungen. Und doch schmerzt es, dass Immanuel Kant bereits 1784 in seiner Definition der Aufklärung von einer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ sprach – und gnadenlos hinzufügte, dass sie eben dann selbstverschuldet sei, wenn sie nicht aus einem Mangel an Verstand, sondern aus einem Mangel an Mut beibehalten werde. Dass wir im Jahr 2026 an exakt dieser Stelle noch immer so verwundbar sind, ist eine bittere Erkenntnis. Mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts hat die menschliche Verantwortung eine nie geahnte Dimension erreicht. Wer aus Rücksichtnahme auf dieses Wissen der Gegenwart persönliche Konsequenzen zieht und Verantwortung übernimmt, wird heute allzu gerne als moralisierender Spaßverderber abgestempelt. Nichts könnte verfehlter sein. Die Anerkennung unserer Verantwortung für die Entfaltung menschlicher Potenziale ist keineswegs das Ende der Freiheit. Im Gegenteil: Sie ist der einzig geeignete Schlüssel zu ihrem ungefährlichen Gebrauch.
Indem die Festwochen vor der Konfrontation zurückschreckten, haben wir die Chance verpasst, dieses ideologische Konstrukt auf offener Bühne zu entzaubern. Die Demokratie nach Karl Popper ist eben kein geschützter Wohlfühlort, an dem wir das Unbequeme einfach absagen können. Sie ist ein „offener Werkraum“, der die Bereitschaft zur mühsamen Fehlerkorrektur und zum furchtlosen Diskurs zwingend erfordert. Thiel einfach nicht zuzuhören, mindert seinen globalen Einfluss nicht im Geringsten.
Hätte man ihn nicht vielmehr in die Situation bringen können, einem intelligenten Gegenentwurf zu elitären CEO-Monarchien und apokalyptischen Angstfantasien zuzuhören? Ließen sich den Heilsversprechen für eine kleine Minderheit nicht tatsächlich unsere „größeren Hoffnungen“ entgegensetzen – multilaterale, nachhaltige und demokratisch legitimierte Lösungsansätze? Eine säkulare Ethik, die uns dabei hilft, die Lehren der Menschheitsgeschichte zu lohnenden Lebensentwürfen zu formen? Eine angstfreie Beschäftigung mit dem Sinn und Ursprung von allem Existierenden? Ein großes, selbstbewusstes Ja lässt sich dem entgegenhalten. Das sollte uns auch weit über diesen Tag hinaus eine wertvolle Anregung bleiben.
Tatsächlich gibt es Größeres als alte geheimnisvolle fesselnde Erzählungen und immer noch schmerzt es, dass Immanuel Kant (1784!) in seiner Definition der Aufklärung von einer selbstverschuldeten Unmündigkeit spricht und gleich noch gnadenlos fortfährt, dass sie dann selbstverschuldet sei, wenn dies nicht aus Mangel an Verstand, sondern aus Mangel an Mut so beibehalten werde. 2026 noch an dieser Stelle so verwundbar zu sein, schmerzt. Mit dem Wissen des 21. Jahrhundert hat die menschliche Verantwortung eine nie geahnte Dimension bekommen. Aus Rücksichtnahme auf das Wissen der Gegenwart übernommene Verantwortung wird gerne zum großen Spaßverderber abgestempelt. Nichts könnte verfehlter sein. Die Anerkennung der Verantwortung für die Entfaltung der menschlichen Potentiale ist keineswegs das Ende der Freiheit. Im Gegenteil: Sie ist der einzig geeignete Schlüssel zu ihrem ungefährlichen Gebrauch.



Als ich Rau die Absage an Thiel verkünden hörte, dachte ich zuerst: Feigheit!
Als er die Entscheidung aber begründete, konnte ich ihn verstehen. Die Festwochen haben ihren eigenen, spezifischen Zweck, und dieser wäre vom Auftritt Thiels wahrscheinlich stark überschattet worden. Außerdem ist er als Indendant der Festwochen in erster Linie für deren Erfolg verantwortlich; nach seinen Aussagen wollten Künstler ihre Teilnahme absagen, falls Thiel auftreten sollte, was seine Entscheidung noch verständlicher macht.
Ich hoffe allerdings schon, dass Thiel in naher Zukunft eine neuerliche Einladung erhält und diese annimmt. Mit einem mehr als ebenbürtigen Gesprächspartner wie Palaver könnte er im besten Fall zumindest teilweise entzaubert werden.
Die Kultur des Ausgrenzens anderer oder unliebsamer Meinungen ist meiner Meinung nach kein guter Weg…
Hallo Florian,
mir gefällt Dein Bild oder Vergleich mit Siegfried und dem Drachen sehr gut. Viele, die gedroht haben, dass sie ihre Teilnahme absagen, mögen dies getan haben, weil sie nicht einen PR Auftritt des Herrn Thiel unterstützen wollten und damit implizit davon ausgegangen sind, dass Herr Thiel sich durchsetzen wird.
Der Standard hat in seinem Artikel vom 05.06.2026 unter der Überschrift: „Wer ist Wolfgang Palaver, der Mann, der mit Peter Thiel diskutiert hätte?“ (link: https://www.derstandard.at/story/3000000323580/wer-ist-wolfgang-palaver-der-mann-der-mit-peter-thiel-diskutiert-haette ) klar dargelegt, dass es ein Fehler war, dieses Treffen abzusagen. Siegfried (Herr Rau) hätte mit seinem Schwert (Worte des Herrn Palaver) ganz sicher Herrn Thiel besiegen (Parole bieten) können.
Ich hoffe, dass Herr Rau gemeinsam mit Herrn Palaver, wenn sich, wie er vor kurzem…