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Hat man SIEGFRIED Vor dem DRACHEN gerettet?

  • Autorenbild: Florian Kliman
    Florian Kliman
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  • 3 Min. Lesezeit

Milo Rau, Peter Thiel und das Einfallstor der Unkenntnis


Milo Rau, der Intendant der Wiener Festwochen, hatte etwas Bemerkenswertes vor. Er wollte den Tech-Milliardär Peter Thiel am 7. Juni zusammen mit dem Theologen Wolfgang Palaver einer öffentlichen Diskussion stellen. Der Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik?“ passte perfekt zum diesjährigen Festwochen-Motto Republic of Gods – einem Rahmen, der treffend thematisiert, wie eifrig unsere angeblich so areligiöse Gesellschaft allerhand neue Götter erschafft. Doch dazu kam es nicht. Da immer mehr teilnehmende Künstler dies vehement ablehnten, zog Rau die Einladung zurück.

Warum bemühe ich hier das Bild von Milo Rau als Siegfried vor dem feuerspeienden Drachen? Ist es nicht reichlich naiv, einen mit allen Wassern gewaschenen Demagogen wie Thiel zu einem offenen Diskurs herauszufordern? Gewiss. Aber andererseits ist Siegfrieds Naivität eben untrennbar mit seiner Furchtlosigkeit verbunden. Natürlich ist Furchtlosigkeit allein noch keine Erfolgsgarantie. Aber erst eine mutig abgehaltene Diskussion hätte immerhin die Möglichkeit einer echten Entzauberung beinhaltet – nicht zuletzt, da mit Wolfgang Palaver ein ausgewiesener Kenner der Materie mit am Podium vorgesehen war. Ich stehe zu meiner empathischen Neugier: Zu gerne hätte ich gesehen, ob dem „König Thiel“ auf diese Weise nicht doch ein Zacken aus seiner Krone zu schlagen gewesen wäre. Zumal die tauglichen alternativen Versuche, ihn intellektuell zu stellen, ohnehin nicht allzu zahlreich sind.


Warum aber fasziniert und ängstigt ein Mann wie Thiel überhaupt so sehr? Er webt aus Elementen des ultralibertären Transhumanismus und christlich-apokalyptischem Vokabular eine faszinierend unverständliche Ideologie. Thiel spricht vom nahenden „Antichristen“ und beruft sich auf das „Katechon“ – jene mystische Instanz der Bibel, die das Ende der Welt aufhalten soll.


Dass ein hochintelligenter Investor mit solchen mittelalterlich anmutenden Narrativen nicht als Sektierer abgetan wird, liegt an einer fatalen gesellschaftlichen Entwicklung, die ich in Fünf nach Zwölf ausführlich beschreibe: dem wachsenden religiösen Analphabetismus. Weil das fundierte Wissen über die historischen Entstehungsgründe der Bibel und ihre menschlichen Autoren wegbricht, entsteht ein „Einfallstor der Unkenntnis“. Das theologische Vakuum macht es leicht, sich einzelne Versatzstücke herauszugreifen, um autoritäre Machtansprüche quasi göttlich zu legitimieren. Der Jesuit Klaus Mertes bestätigt diese Diagnose exakt: Er wirft Thiel vor, die Geschichten der Bibel zu missbrauchen, und hält fest, dass gerade kirchenferne Menschen aus reinem Mangel an theologischer Bildung für diese Art von Fundamentalismus anfällig sind. Kombiniert mit der Blendgranate seines unbestrittenen wirtschaftlichen Erfolgs, wird Thiels Ideologie so zu einer hochwirksamen intellektuellen Falle.


Indem die Festwochen vor der Konfrontation zurückschreckten, haben wir die Chance verpasst, dieses Konstrukt auf offener Bühne zu entzaubern. Die Demokratie nach Karl Popper ist kein geschützter Wohlfühlort, an dem wir das Unbequeme einfach absagen können. Sie ist ein „offener Werkraum“, der die Bereitschaft zur mühsamen Fehlerkorrektur und den offenen Diskurs zwingend erfordert. Thiel einfach nicht zuzuhören, ändert rein gar nichts an seinem globalen Einfluss. Der wirksame Gegenentwurf zu elitären CEO-Monarchien und apokalyptischen Angstfantasien sind unsere „größeren Hoffnungen", multilaterale, nachhaltige - und demokratisch legitimierte Lösungsansätze. Es ist höchste Zeit, sich von den „fesselnden Erzählungen“ und den bequemen himmlischen Ausreden endgültig zu verabschieden. Wir brauchen keine neuen technologischen Erlöser, sondern eine säkulare, aufgeklärte Verantwortung. Die Ethik eines Baruch de Spinoza und Immanuel Kants Aufforderung, sich angstfrei des eigenen Verstandes zu bedienen („Sapere Aude!“), weisen uns den Weg.

Diese Vernunft bewährt sich nicht im Warten auf Armageddon, sondern in der tagtäglichen, unaufgeregten Ausverhandlung unserer Zukunft im Werkraum der Demokratie. Der Ausstieg aus der bequemen Ohnmacht verlangt uns etwas ab. Aber die Entdeckung der menschlichen Verantwortung ist nicht das Ende der Freiheit. Sie ist der einzige Schlüssel zu ihrem dauerhaften Gebrauch.

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