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GEHT DAS DENN:Verstehen anstatt gehorchen?

Mein Vorhaben, „wieder mehr unter die Leute zu kommen“, macht Fortschritte. Nach einigen Jahren Zurückhaltung, um die Konzentration auf mein Buchprojekt nicht zu gefährden, genieße ich wieder das große Angebot, die eine Stadt wie Wien bereithält. Mit der eigenen Sensibilisierung für die gesellschaftlichen Entwicklungen gewinnt es an zusätzlichem Wert, die Wahrnehmungen authentischer wacher Zeitzeugen wie hochempfindliche Seismographen zu beobachten.


In kurzer Abfolge konnte ich in Auftritten den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse und den russischstämmigen historischen Journalisten Mikhail Zygar hören. In ihren vorgestellten Werken schildern sie verschiedene Formen eines geradezu mörderischen Zynismus, der sich an verschiedenen Situationen entzündet und sich in verschiedene Ausdrucksformen kleidet. Die Hoffnung auf einen Sieg der Vernunft wird für Robert Menasses Hauptfigur unter Jauche und Mist bei einem weiteren Protest auf Brüssels Straßen gegen den „Green Deal“ begraben. Es ist genau jener Zugang, an den Ivan Krastev am 8. Mai im Wiener Bundeskanzleramt erinnert: „Hoffnung ist definitiv nicht dasselbe wie Optimismus“, schrieb Václav Havel. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht." Welche Macht diese Haltung entfalten kann, wird aus einer wichtigen Passage aus Mikhail Zygars Buch „Die Zukunft, die nie kam“ genau durch das vehemente Bemühen um deren Auslöschung deutlich. Er spricht von einem staatlichen Zynismus und dessen Kernbotschaft lautet nicht: „Wir sind die Guten“, sondern „Niemand ist gut. Alle lügen. Demokratie – Illusion, Menschenrechte – westliche Heuchelei, Wahlen – überall gefälscht, Politiker – überall korrupt.“


Es ist diese Realität, diese weit fortgeschrittene Vernichtung jedes Glaubens an etwas Gutes, das auch der realistische Ausgangspunkt jeder Erörterung „Größerer Hoffnungen“ sein muss – will er nicht als naive Gutgläubigkeit empfunden werden.


Im kommenden SALON DIGITAL lassen wir unseren Frühlingszyklus deshalb mit der hartnäckigen Behauptung ausklingen, dass es gerade vor dem Hintergrund dieser Düsternis eine tiefe Berechtigung für unsere „größeren Hoffnungen“ gibt. Wer den Weg aus der Ohnmacht sucht, findet bei dem russischen Friedensnobelpreisträger Dimitri Muratow jene aufmüpfige Haltung, die wir heute dringend brauchen. Er hielt trotzig fest: Das Böse mag das Gute besiegt haben, aber das heißt noch lange nicht, dass man auf die Seite der Sieger wechseln muss.


Nachdem wir uns in den ersten beiden Salons dieses Frühjahrs bereits mit der Zynismus-Falle und der gesellschaftlichen Brunnenvergiftung auseinandergesetzt haben, bilden nun drei ethische Hoffnungen den krönenden Abschluss. Es geht um Rosa Luxemburgs Beharren auf der unbedingten Freiheit der Andersdenkenden, das tiefe Bekenntnis des Dalai Lama zu einer universellen Menschlichkeit und Baruch de Spinozas Konzept eines angstfreien Gottes.


Warum wähle ich ausgerechnet diese drei Zugänge? Weil sie gemeinsam das Fundament für eine dringend benötigte „Ethik von unten“ skizzieren. Es ist eine Ethik, die völlig ohne die furchteinflößende Androhung göttlicher Strafen auskommt und stattdessen einen einsichtigen, vernunftbasierten Umgang mit den elementaren Fragen unseres Zusammenlebens eröffnet. Anstatt auf Erlösung von oben zu warten, setzt dieser Ansatz auf pure Eigenverantwortung. Er öffnet jenen offenen Werkraum der Demokratie überhaupt erst, in dem wir unsere Gesellschaft angstfrei selbst zimmern können.


Das Mögliche zu tun, ist immer noch um hundert Prozent mehr, als gar nichts zu tun. „Was alles noch zu tun ist“, das ist letztlich nur ein anderer Name für den größten verfügbaren Vorrat an Sinnstiftung. Treten wir also gemeinsam ein in diesen Werkraum. Der Leitgedanke für unser Handeln und für den kommenden Salon Digital kann dabei nur unmissverständlich lauten: Verstehen statt gehorchen.



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