Die Achse der Autokraten und die Vergiftung unserer Demokratie
- Florian Kliman
- 10. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Demokratie in aller Munde! Gerade sind die letzten Takte der Wiener Symphoniker verklungen, die einen anspruchsvollen musikalischen Beitrag zum der Freude, dem 8. Mai leisteten. Wie alljährlich dem Ende des 2. Weltkriegs und damit der Niederlage des Nationalsozialismus gedacht. Vormittags beging man im Bundeskanzleramt den 8. Mai mit Ansprachen des Bundeskanzlers, des Vizekanzlers und des Bildungsministers. Als Gastsprecher schlug der renommierte bulgarische Politologe Ivan Krastev den Bogen von jenem 8. Mai 1945 bis heute und nahm dazu die Worte des kürzlich verstorbenen deutschen Philosophen Jürgen Habermas aus Ausgangspunkt. "Wir sind alle Kinder des 8. Mail 1945" Schon am Samstag setzt sich der Reigen bedeutender Gedenktage fort mit dem Europatag. Am Sonntag, den 10. Mai wird auch in Mauthausen die Erinnerung an die schwierige Entscheidung erinnert, ab wann man vom Nichtbeteiligten zum Mittäter wird. Am kommenden Mittwoch, dem 13. Mai, erwartet uns in Wien ein geballter Tag im Zeichen der Demokratie. Um 13:00 Uhr bin ich zunächst auf Einladung des Büros für Mitwirkung der Stadt Wien beim Netzwerktreffen für den Demokratie-Tag 2026 zu Gast. Zu meiner Freude wurde dort für die Einladung erstmals meine Kontaktadresse reden@themen12.at genutzt, steht sie doch exakt für jenen Schritt, den wir jetzt tun müssen: Raus aus dem passiven Konsumieren, rein in den aktiven, mündigen Dialog.
Dieses Treffen ist für mich die perfekte Einstimmung auf das, was danach folgt: Um 18:00 Uhr wird die renommierte Historikerin Anne Applebaum auf dem Wiener Judenplatz unter freiem Himmel ihre „Rede an Europa“ halten. Ihre messerscharfe Analyse Die Achse der Autokraten war für mich ein unverzichtbarer Baustein, um jene bedrohlichen Risse zu verstehen, die derzeit durch unsere westlichen Gesellschaften gehen. Doch auch nach vielen Ehrungen und Auszeichnungen bleibt die Herausforderung, wie wir als Bürger mit den aufgezeigten Mechanismen umgehen. Wie können wir die Erkenntniss daraus nutzen?
Wenn die Zumutung der eigenen Verantwortung zu schwer wiegt, ist die Versuchung groß, sich in Frustration und Zynismus zurückzuziehen. Doch unsere persönliche Bequemlichk
eit und die Flucht in die Ohnmacht bleiben nicht ohne Folgen. Sie hinterlassen ein Vakuum – und dieses Vakuum wird längst gezielt bewirtschaftet.Wie die Historikerin Anne Applebaum in ihrer treffenden Analyse Die Achse der Autokraten belegt, wird der Frust im Westen ganz strategisch von außen befeuert. Während autokratische Regime in Moskau oder Peking die eigene Bevölkerung streng kontrollieren, instrumentalisieren ihre Troll-Armeen in unseren sozialen Netzwerken die Überforderung der Bürger, um den demokratischen Konsens zu sprengen.
Das Perfide daran: Diese Autokraten müssen gar nicht beweisen, dass ihr eigenes, autoritäres System besser ist. Es reicht ihnen völlig aus, den Zweifel an unserer Demokratie zu säen und das Vertrauen in unsere Institutionen zu zersetzen. Aus der Kritik an konkretem politischem Krisenmanagement – sei es in der Pandemie oder in der Wirtschaft – wird so in einem fließenden Übergang die grundlegende Verächtlichmachung des gesamten demokratischen Systems, der Wissenschaft und multilateraler Organisationen.
Das ist die eigentliche „Brunnenvergiftung“ des 21. Jahrhunderts. Sie zielt auf die verwundbarste Stelle unserer Gesellschaft, die der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde schon 1964 in seinem berühmten Diktum offenlegte: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er mit Mitteln des Rechtszwanges selbst gar nicht garantieren kann. Er ist existentiell auf die moralische Substanz seiner Bürger und ein unabdingbares "Vorschussvertrauen" angewiesen.
Genau dieses Wasser des Vertrauens wird nun vergiftet. Desinformation und Zynismus müssen nicht einmal übelriechend oder verschmutzt aussehen; sie kommen oft geruchlos, in cooles Design verpackt und machen in ihrer ständigen Empörung geradezu süchtig. Wenn wir zulassen, dass unsere berechtigte Kritik an politischen Fehlern umschlägt in die blinde Zerstörung unseres gesellschaftlichen Fundaments, werden wir zu den nützlichen Handlangern jener Autokraten, die unsere freiheitliche Ordnung verachten.
Unsere Demokratie ist verwundbar. Umso dringender ist es an der Zeit, dass wir aufhören, das vergiftete Wasser zu trinken, und uns stattdessen daran erinnern, dass wir selbst die Wächter dieses Brunnens sind.



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