Die Romy-Gala als Teil des Europawahlkampfs

Der festliche Rahmen der Romy Gala war am 13. April 2019 Schauplatz etlicher politischer Statements. Mir geht es so, dass diese typischer Weise kritischen Reden aus dem Mund der soeben geehrten Kunstschaffenden um einiges leichter zu verdauen sind, als die der  Berufspolitiker. Ob ich da nun Armin Wolf ausnahmsweise als Künstler gelten lassen kann, muss ich mir freilich noch reiflich überlegen.


Interessanter fand ich die Rede der von mir durchaus geschätzten Erika Pluhar. Mein Augen (- und Ohren) merk richtete sich allerdings besonders auf zwei Passagen, die aus dem Reigen  vergleichbarer  Erklärungen der letzten Zeit etwas herausstachen.


Selten so gehört, meinte sie in ihrem Statement zur Romy-Preisverleihung "nirgendwo geht es den Menschen so gut wie bei uns" (...in Österreich). Für sie war das allerdings der Auftakt, der derzeitigen Regierung eine unverzeihliche Angstmache vor der falschen Gefahr vorzuwerfen. Sie bemächtige sich der allzu menschlichen Neigung zur Angst und befeuere ganz konkret die Angst, "die Migration" und "die  Fremden" würden ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen. Dabei wisse man , dass sich doch in Wahrheit der Fundamentalismus als die größte Gefährdung erweise, sei er nun religiös oder von rechts außen.


So weit, so nicht ganz unbekannt. Ebenso vertraut ist mir allerdings, dass den eindringlichen Warnern nicht immer auffällt, dass sie selbst in enormem Ausmaß Ängste schüren. Auch die neuerliche Benennung der armen Hilflosen, die sich nicht dagegen wehren können, dass Ängste in ihren Herzen und Köpfen Platz greifen, bedient ein nicht ganz neues Szenario eines heroischen Kampfes um die Herzen und Köpfe der ... ja - was eigentlich? Mündige Bürger können da wohl nicht gemeint sein, die sich inmitten nie dagewesener Medienvielfalt bereits angewohnt haben, Argumente abzuwägen. Es ist die Klage über die politische Reife, die wohl auch nicht erst seit der letzten Wahl ins Bodenlose abgesackt sein wird. In den medial rauh gewordenen Zeiten werden sich die Bürger übrigens ihre Hilflosigkeit über kurz oder lang abgewöhnen müssen. Schon jetzt schwappt jede Woche eine andere Welle der Empörung über unsere Köpfe hinweg. Erst vor kurzem gab es in facebook eine Grafik zu bestaunen: Eine Zeitleiste zeigte fein säuberlich, wieviele Jahre schon die ÖVP in der Regierung sitzt! Rücksichtsvoller Weise wollte der sichtlich aufgebrachte Poster den mündigen Bürgern eine zweite Grafik eher nicht zumuten: wieviele Jahre die SPÖ schon in der Regierung sitzt!


Es ist das großartige Zitat von Ingeborg Bachmann, das man in Erinnerung rufen muss: die Wahrheit ist den Menschen zumutbar! Die Wahrheit, die Realität,  eine gesamtheitlich betrachtete Sicht besteht aus vielen Farben und Fakten, genau darauf kann man gar nicht oft genug hinweisen. Mich würde ein Aufruf zur lohnenden Mühe einer selbstbestimmten Abwägung mehr beeindrucken als weitere bemühte Versuche, eine - unentschuldbare - Angstmache durch eine andere, selbstverständlich niveauvollere und subtilere zu ersetzen.


Dazu passen die zwei versprochenen Passagen, zu denen ich mir so meine eigenen Gedanken gemacht habe:

Nun, schon erwähnt, war da der Befund, dass es uns so gut wie noch nie gehe. Erika Pluhar verbindet es mit einer Danksagung, dass sie erst durch die (guten) Lebensumstände in diesem Land in der Lage war, sowohl als Schauspielerin und auch als Schriftstellerin ihr Leben so zu verbringen. Durchaus logisch folgt dann die erwähnte Klage über die Verängstigung der Menschen, obwohl es uns doch eigentlich gut geht! So schade es ist, dass sich viele darin beirren lassen, diese Tatsache zu sehen, so wird dieser Beeinflussungswettbewerb weder durch Berichte über unsere Insel der Seligen, noch von fortwährenden Skandalgeschichten entschieden. Die gute Welt, in der wir bereits leben, hat nämlich - no na - jede Menge Verbesserungspotential. Es herrscht ein schmerzhafter Mangel an Differenzierung und Sachlichkeit. Für sachliche Information und lösunngsorientierte Argumentation wäre das Eingeständnis positiver, aber auch gefährlicher Tendenzen niemals ein Problem.

Ein Beispiel: Für eine Einstimmung in die Dimensionen der Migration ist der frei verfügbare Integrationsbericht 2018 absolut empfehlenswert. Sein Informationsgehalt eignet sich hervorragen, um Verharmlosung und Panikmache gleichermaßen zu durchschauen. Nun ist Österreich trotz der extremen Umstände 2015 keineswegs untergegangen. Wer wollte aber ernstlich die Notwendigkeit bestreiten, alle Arten von Zuwanderung in legale Bahnen zu lenken?Wunderbar und leider in dieser Art sehr selten selten habe ich Pluhars Beteuerung gefunden, dass sie auch all denen in die Angst irregeleiteten nicht absprechen wollte, dass auch sie Mitbürger in diesem Land sind. Durchaus gelungen fand ich auch den Verweis darauf, dass diese Grundakzeptetanz auch deswegen wichtig sei, weil sonst auch "ein" Europa völlig undenkbar ist. Verbunden damit ist auch das Bekenntnis, die (noch) Wehrlosen nicht aufzugeben. Der allseits beschworene Zusammenhang in der Gesellschaft ist durchaus auch dadurch in Gefahr, dass Menschen mit anderen Ansichten "aufgegeben" und zum politischen Abschuss freigegeben werden, anstatt sich mit ihren Argumenten zu beschäftigen.


Der Wahlkampf zur EU-Wahl ist voll im Gange. Die Anzahl von Behauptungen in einer Zeitspanne  "verminderter Intelligenz" (copyright Michael Häupl) wird schwindelerregende Maße anzunehmen. Auch zur EU-Wahl selbst kann man sich aber durchaus wappnen. Neben den Websites der wahlwerbenden Gruppen gibt es auch zur Wahl selbst einiges Interessantes auf der Website zur Europawahl 2019


Man kann wahrlich auch andere Stellen der Veranstaltung und im Statement von Frau Pluhar. wichtiger fidnen. Darum möchte auch ich den Lesern die Wahrheit zumuten und den ORF-Beitrag zur Ansprache von Frau Pluhar (ca. 20 Minuten) hier als Link einfügen. Auch andere Stellungnahmen sind verfügbar.


Rede von Erika Pluhar zur Verleihung des Romy für ihr Lebenswerk

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