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alles bereden...

Ein After-Talk, der Hoffnung macht


Manchmal sind es die Gespräche nach den offiziellen Veranstaltungen, in denen die eigentliche Demokratiearbeit stattfindet. Kürzlich stand ich nach einem politischen Event im österreichischen Parlament in genau so einer Runde – dem klassischen „After-Talk“. Im Gepäck hatte ich zwar noch nicht mein neues Buch „Fünf nach Zwölf – Zeit für größere Hoffnungen“ (das wird gerade gedruckt) und meine neue „Philo-Card“.


Wer eine Philo-Card zum Buch mit einem Titel wie Fünf nach Zwölf dabeihat, provoziert natürlich Redebedarf. Es zwingt das Gegenüber zur Positionierung. Doch der eigentliche Eisbrecher des Abends, der das Gespräch so richtig ins Laufen brachte, war ein Zitat auf meinem Buchcover, das vielen Österreichern im Ohr klingen dürfte. Es stammt von der Band STS (Großvater, 1985, Text Gert Steinbäcker):


„Z'erst überleg'n, a Meinung håb'n, dahinter steh'n, niemåls Gewalt, ålles bered'n aber a ka Ångst vor irgendwem“


In diesen wenigen Zeilen Austro-Pop steckt im Grunde die alltagstaugliche Übersetzung dessen, was der große Philosoph Karl Popper in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde als den Kern der Demokratie beschrieben hat: die institutionelle, unblutige Fehlerkorrektur. Es ist die schlichte, aber anspruchsvolle Aufforderung, den eigenen Verstand mutig zu gebrauchen, eine Haltung einzunehmen und Konflikte durch das bessere Argument anstatt durch Gewalt zu lösen.

Gerade an einem Ort wie dem österreichischen Parlament hallt so ein Gedanke besonders stark nach. Wenn wir auf die Geburtsstunde unserer Nachkriegsdemokratie zurückblicken – auf die legendäre Weihnachtsansprache von Bundeskanzler Leopold Figl im Jahr 1945 und die versöhnende Kraft der sogenannten „Lagerstraßen-Generation“ –, dann sehen wir, was es heißt, nach einer absoluten Katastrophe wieder ins Gespräch zu kommen. Aus ehemaligen politischen Todfeinden wurden Menschen, die gemeinsam, getragen von den bitteren Lektionen der Vergangenheit, ein neues, demokratisches Österreich aufbauten. Sie schufen jenes unbezahlbare „Vorschussvertrauen“, von dem unser Staat bis heute lebt.

Heute stehen wir wieder vor enormen Fliehkräften. Die politische Polarisierung und die gezielte Vergiftung des gesellschaftlichen Vertrauens haben Gräben aufgerissen, die schwer zu überbrücken sind. Die Versuchung ist groß, sich in Zynismus zurückzuziehen oder lauten, einfachen Parolen hinterherzulaufen.

Doch genau hier greift das STS-Zitat – und der Kerngedanke meines Buches. Demokratie ist kein Zustand der Erlösung, sondern ein offener Werkraum. Wir müssen unsere Zukunft zimmern, und das geht nur, wenn wir im Gespräch bleiben – selbst, und gerade dann, wenn es gefühlt bereits „Fünf nach Zwölf“ ist. Wir haben die intellektuellen und moralischen Ressourcen, wir haben die Freiheit, und wir haben Grund für größere Hoffnungen.

Dass ich an diesem Abend im Parlament in genau diesem Geist diskutieren durfte und ganz nebenbei die ersten beiden Buchbestellungen angekündigt sind , ist für mich die schönste Bestätigung: Die Menschen suchen nach einem echten Miteinander und nach Diskursen jenseits der bloßen Empörung.

Deshalb lade ich Sie ein: Lassen Sie uns weiterreden. Hier im Salon Digital, in den Kommentaren oder gerne auch bei der nächsten Live-Veranstaltung. Z'erst überleg'n, alles bered'n – und dabei die größeren Hoffnungen nicht aus den Augen verlieren.


Ihr Florian Kliman

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