Liegt vielleicht auch die Wahrheit im Auge des Betrachters?


"Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters", lehrt uns ein altes deutsches Sprichwort. Gilt das etwa auch für die Wahrheit? Das obige Bild vom Traunsteinhaus hoch auf dem immer wieder imposanten Traunstein und dem rechts hinten ersichtlichen Gipfelkreuz könnte - obwohl weithin bekannt - darauf hinweisen.


Also bitte, wie denn das? Doch Moment, wie verflixt noch mal kann das Gipfelkreuz (1691 m Seehöhe) so viel niedriger als das doch niedriger gelegene Traunsteinhaus (1575 m Seehöhe) sein?


Wenn Sie hier abwinken und meinen, so blöd könne ja doch wirklich niemand sein, dass er nicht sofort bemerkt hätte, dass die Perspektive (von Traunkirchen aus) diesen Eindruck vermittelt, dann sind sie mir erst recht bereits auf den Leim gegangen. Wie das?


So manche Nachrichten, die uns tagtäglich dargeboten werden, zeigen zwar Fakten auf, doch vergessen sie zu erwähnen, dass sie eben nur eine der möglichen Perspektiven darstellen. Der Bogen spannt sich längst von offensichtlich abstrusen Verschwörungsphantasien bis zu tatsächlich bisher zu wenig beachteteten Zusammenhängen. Relativiert und richtig eingeordnet kann jede Information - so sie nicht bewusste Irreführung ist - eine Facette zur oftmals ganz und gar nicht einfachen Wirklichkeit beitragen. Nicht immer ist es so schnell erklärt, wie im Falle des Traunsteinbildes. Manchmal ist es etwas mühsamer, zwischen den sich leicht anbietenden Erklärungen einerseits und durch eigene Vorstellungen geprägte Perspektiven andererseits zu unterscheiden. Wie andere Menschen aus anderer Perspektive dasselbe Faktum so ganz anders sehen können, scheint manchmal völlig unverständlich und mitunter auch dämlich, ärgerlich, ja empörend. Leider geht dabei oft unter, dass erst eine Betrachtung aus mehreren Perspektiven ein ganzheitliches Bild ergibt. Immerhin haben wir auch zwei Augen und nicht nur eines. Das mag jetzt noch abgehoben und reichlich idealistisch klingen. Näher an unser aller Lebensalltag aber ist die schwer bestreitbare Tatsache, dass viel Agression und Hass vermieden werden kann, wenn man von der eigenen Meinung abweichende Ansichten als Ergebnis einer anderen Perspektive sehen kann. Bürgermeister, die wegen der Anfeindungen bzgl. Corona den Job hinschmeißen, sind bereits Realität. Wenn nun derzeit das heißdiskutierte Modell Schweden mit seit vielen Woch sehr niedrigen Neuansteckungen auffällt, dann darf man gleich wieder eine neue Welle an Beschuldigungen von jeden gegenüber jeden erwarten und die Verwirrung und Unübersichtlichkeit der Diskussion neue Höhepunkte erreichen. Befindlichkeiten einer ganzen Nation können sich durch eine auf einen Aspekt verengten Blickwinkel verändern. War da noch am Anfang der Corona-Pandemie eine parteiübergreifende Entschlossenheit vorhanden, die auch die Bereitschaft zum Einhalten von Regeln erleichtert hat, so ist - von einer bevorstehenden wichtigen Wahl nicht ganz unbeeinflusst - enorme Polarisierung die vorherrschende Stimmung geworden. Die aus allen Rohren abgefeuerten wüsten Vorwürfe an die vorgebliche Schuld der Regierung an einem Comeback von hohen Neuinfektionszahlen sind auch nicht unbedingt eine Ermunterung, die verlautbarten Regeln einzuhalten oder gar neue zu akzeptieren. Auch die peinliche Posse der reihum ans Rampenlicht tretenden Regionalpolitiker, die eine Corona-Ampel keinesfalls hinnehmen können, weil sie deren eigentliche Aussage noch immer nicht verstanden haben, hat einen enormen Tunnelblick ans Licht gebracht, den ich persönlich nicht für möglich gehalten hätte. Doch auch das ist letztlich eine Frage der Perspektive. Nicht gleich alles abzunicken, wenn es aus dem richtigen Ecke kommt und nicht jeder von uns nicht geteilten, begründeten Meinung aus dem falschen Mund den Krieg zu erklären, das wäre für unser aller Wohlbefinden äußerst anzuraten. Der Umgang mit der anderen Meinung wird gerade enorm herausgefordert. Auch die Wissenschaft hat dieser Tage die immer angebrachte Bescheidenheit nicht gerade zur Schau getragen, obwohl es ihnen wesentlich leichter fallen müsste als den auf Wähler schielenden Politikern. Würde auch nur ein kurzer gedanklicher Ausflug auf die Perspektive der Anderen gelingen, fiele dies wesentlich leichter.


Auch diese Wien-Wahl geht vorbei. Vielleicht ist dann im kommenden November, in dem die Corona-Epidemie noch immer ein Thema sein wird, die Zeit reif für politische Stellungnahmen auf einem anderen Niveau. Also: durchhalten!


P.S.: Zum Abschluss reiche ich noch das Bild nach vom Traunstein aus einer anderen Perspektive: Auf dem Wanderweg von der Grünbergalm zum Laudachsee - immer den Traunstein vor Augen - kann man auch diesen Anblick genießen. Und ja - das Gipfelkreuz scheint doch höher zu liegen als das Traunsteinhaus (beides nur bei genauerem Hinsehen - aber zweifelsfrei - erkenntlich)


P.S.S. Die Entfernung von Traunkirchen zum Laudachsee wird übrigens von Google-Maps mit ca. 21 km angegeben. Soviel zum möglichen Aufwand eines Perspektivenwechsels (bzgl. Traunstein...)



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