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Mein Herz so weiss - ich und die anderen

vor 1 Stunde
4 Min. Lesezeit

1. Szene: Das Drama der Unschuld

1992 erschien der Roman »Mein Herz so weiß« von Javier Marías. Seine Lektüre hat sich bei mir tief eingegraben. Stellvertretend steht sie seither für eine kritischere Hinterfragung des eigenen Gefühls, selbst nichts Unrechtes getan zu haben. Marías borgte sich seinen Titel aus Shakespeares Stück Macbeth – bei dem es ja um schwerere Verbrechen geht. Verbrechen allerdings, die man zum Glück nicht selbst begangen hat. Auch Javier Marias Roman erinnert, wie brüchig, wie wenig belastbar und wie unverlässlich diese wohlige Abgrenzung zu denen ist, die zu solchem imstande sind.


2. Szene: Wir Sowohl-als-auch-Bürger

Gerade die Demokratiewoche bot eine Überfülle an Veranstaltungen, wodurch man sich doch sehr bestätigt fühlen durfte in der Wertschätzung der Demokratie im Land. Die imposante Zahl von 89% von Befürwortern war erst kürzlich in der Wiener Vorlesung „DEMOKRATIE STÄRKEN“ (nachzulesen in meiner Erkundung #1) zu hören – begleitet von einer anderen Zahl, die fast glaubhafter erscheint: Im Schnitt finden nur mehr 35 % (vor sieben Jahren noch 64 %!), dass dieses System im Alltag auch gut funktioniert.



Diesen durchaus respektablen 89 % der bekennenden Demokraten steht ein stabil gebliebener Sockel von etwa 20 % gegenüber, die eine autoritäre Staatsführung bevorzugen. Schließlich ergibt 89 + 20 = 109 %. Wie geht das? Gehören die 35 % der unzufriedenen Demokraten zur Gruppe der 89 %? Oder aber: Sind die schon auf dem Durchmarsch nach unten?

Dieses Gedankenspiel belegt quasi amtlich: Wir lassen uns keineswegs so einfach in saubere Schubladen einordnen. Wir alle sind in Wahrheit „Sowohl-als-auch-Bürger“.

3. Szene: Im Foyer der Probebühne des Theaters in der Josefstadt An einem Theaterworkshop im Rahmen der Demokratiewoche teilzunehmen, war für mich mit der Erwartung verbunden, mich genau diesen unter der Oberfläche hausenden Ebenen von „Ich und die Anderen“ zu stellen. Im Foyer der Probebühne des Theaters in der Josefstadt ließ Jenny Holzer auf (schau-)spielerische Art aufblitzen, wie sehr es sich lohnt, sich auf eine Reflexion über diese zugleich vorhandenen Ebenen einzulassen. Anfänglich gebildete Gruppen, die sich unter einer neuen Fragestellung auflösen und als andere Gruppe ein anderes ""Wir" bilden, sorgten für viel Bewegung, Spaß und Nachdenkstoff. Holzer ist überzeugt, dass jene Vorabdefinitionen, aus denen wir unsere Seelenruhe ebenso wie unsere Unruhe zu schöpfen gewohnt sind, eine entscheidende Rolle im politischen Diskurs spielen. Gemeinsam mit dem umtriebigen Duo Univ.-Prof. Manfred Nowak und Mag. Verena Benedict-Orlicek vom Wiener Forum für Demokratie und Menschenrechte begaben sich die Teilnehmer auf eine spannende Erkundung der Außenwelt unserer Innenwelt.


4. Szene: Wir und die anderen

Es muss nicht immer ein Theaterworkshop sein. Da unser Denken aber doch unbestritten einen wesentlichen Einfluss auf unsere reale Befindlichkeit - früher sagte man Wohlbefinden - hat war es schon immer eine gute Idee, auch unserem Denken den sonst überall akzeptierten Service zukommen zu lassen. Da heute alles als Wettkampf um unsere knappe Zeit definiert wird, ein Anlegertipp der anderen Art: Es handelt sich um eine hervorragende Investition in die eigene Gelassenheit, Resilienz und – einen kräftigen Boost für die eigene Mündigkeit. Vor 350 Jahren schon wies der holländische Philosoph Baruch de Spinoza auf unverarbeitete, unsere Handlungen beeinflussende Prägungen hin, die er als Affekte bezeichnete. Erst in ihrer Entlarvung sah er den Schritt in die Freiheit der eigenen souveränen Entscheidung. Auch Immanuel Kants berühmte Definition der Mündigkeit schließt hier an. Er nennt Unmündigkeit „das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Wollen wir es tatsächlich auf uns sitzen lassen, im Jahr 2026 unmündig für die Demokratie zu sein? Reicht unsere Energie gerade noch aus, um die anstrengenden Segnungen des Wohlstands und den technischen Fortschritt zu konsumieren?

Nach einer intensiven Woche mit vier Erkundungen zur Demokratie war neben der Freude über unsere wertvollen Errungenschaften auch ein vorsichtig wachsendes Unbehagen gegenüber einem diffusen, unreflektierten „Wir“ greifbar – einem „Wir“, das allzu pauschal über die nicht anwesenden „Anderen“ urteilt. Erst im Einzelgespräch zerfällt dieser starre Wir-Block in persönliche Befindlichkeiten, in wichtige Nuancen der Wahrnehmung und individuelle Prioritäten. Den Wir-Block zu hinterfragen ist ein guter Anfang, auch die Anderen mehr in ihrer menschlichen Widersprüchlichkeit wahrzunehmen und – vielleicht darin etwas Gemeinsames zu sehen...


Epilog: Der Ausstieg aus der Zuschauerloge

In meinem Buch »FÜNF NACH ZWÖLF – Zeit für größere Hoffnungen« benenne ich jene Ansätze, die ein gedeihliches Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Standpunkten überhaupt erst ermöglichen. Längst bekannt und doch oft genug vergessen ist nur unter dem gemeinsamen Dach der Demokratie der zivilisierte Umgang miteinander durch ein System von Vereinbarungen möglich.

Nicht selber - zumindest nicht alleine - schuld zu sein, dass diese schwer erkämpfte Errungenschaft fahrlässig weggeworfen wird, wäre nur ein sehr schwacher Trost. Selbst wenn unsere Herzen so weiß wären wie das von Lady Macbeth.


SERVICE - TEIL:

  • Das Buch zur Debatte: Die ausführliche philosophische und staatsbürgerliche Grundlegung zur Überwindung der „bequemen Ohnmacht“ und das vollständige Reformkapitel „Fähigkeit zur Korrektur – kein Ruhekissen“ (S. 185 ff.) finden Sie in meinem Buch „FÜNF NACH ZWÖLF – Zeit für größere Hoffnungen“. 👉 Hier direkt im Plattform-Shop informieren & bestellen

  • Aktueller Schwerpunkt: Erkundungen

    Direkt von Schauplätzen, an denen sich demokratische Initiativen auf die Bürger zubewegen berichte ich in meinen Erkundungen.

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