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Sind wir fit genug für die Demokratie?

Warum wir wieder mehr die Muskeln trainieren, die wir zum korrigieren benötigen


Wir sind, was unsere Gesellschaftsform betrifft, gewissermaßen ein Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben wir uns über Jahrzehnte hinweg so sehr an den Frieden, den Wohlstand und die Freiheitsrechte gewöhnt, dass wir sie für eine absolute Selbstverständlichkeit halten. Die Demokratie schien wie ein perfekter Lieferservice zu funktionieren, aus dem alle Errungenschaften einfach nur noch heraussprudelten.

Dass dieses komplexe System auch gewartet, gepflegt und von uns selbst aktiv getragen werden muss, hat man uns nie wirklich beigebracht. Entsprechend unangenehm fühlen wir uns nun aus unserer Komfortzone gerissen, wenn in stürmischen Zeiten offensichtlich wird, dass die Demokratie jetzt unsere Mithilfe braucht.

Viele Bürger verhalten sich heute wie unzufrie

dene Kunden: Wenn politische Fehler passieren oder es zu bürokratischen Ärgernissen kommt, wollen sie aus Frust gleich das ganze System kündigen. Doch ein Blick auf die Philosophie Karl Poppers erinnert uns daran, worin der eigentliche Wert der offenen Gesellschaft liegt: Wir Menschen „irren uns nach oben“. Die liberale Demokratie besitzt als einzige Staatsform die Fähigkeit zur institutionellen Fehlerkorrektur. Wir können schlechte Verordnungen revidieren und Regierungen unblutig wieder abwählen.

Diese großartige Errungenschaft der Korrekturfähigkeit ist jedoch kein sanfter Automatismus und darf uns keinesfalls als bequemes Ruhekissen dienen. In der Realität ist die demokratische Entscheidungsfindung mühsam und oft „zum Haareraufen langsam“. Wir müssen die Demokratie daher eher als ein Fitnesscenter begreifen: Wer Ergebnisse sehen will, muss selbst an die Geräte und schwitzen. Wir müssen lernen, unsere demokratischen Korrekturmuskeln wieder aktiv zu betätigen, indem wir Kritik sachlich äußern und uns unbequem in den Diskurs einbringen.

Wer stattdessen aus bloßem Ärger jenen Kräften seine Stimme nachwirft, die unsere liberale Demokratie als Ganzes verachten, riskiert, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Haben wir aus Protest erst einmal Autokraten an die Macht gewählt, nur um den Herrschenden eins auszuwischen, können wir sie danach nämlich nicht mehr abwählen. Dann erweist sich der anfängliche Frust über den schlechten "Lieferservice" als unser geringstes Problem. Lassen Sie uns aus der bequemen Rolle der reinen Konsumenten heraustreten.


Ich lade Sie herzlich ein, diese Gedanken mit mir weiterzuspinnen – beim Grand Opening des „Salon Digital“ am 31. März um 19:00 Uhr.



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