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Von der Tyrannei zur Hoffnung - und zurück?

vor 2 Stunden
4 Min. Lesezeit


1938 · 1989 · 2026

Das Ende der Nowaja Gaseta und Irina Scherbakowas unglaubliche Beobachtung.


Vor wenigen Tagen durfte ich im Bruno Kreisky Forum in Wien einer Frau zuhören, deren Lebenswerk im unerbittlichen Ringen um historische Wahrheit besteht: Irina Scherbakowa, Mitbegründerin der inzwischen in Russland als extremistisch gebrandmarkten Menschenrechts-organisation Memorial.

Inmitten des Gesprächs über ihr Buch »Der Schlüssel würde noch passen« verriet sie eine Beobachtung, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Als Memorial Ende der 1980er-Jahre in der Aufbruchsstimmung der Perestroika gegründet wurde, gab es eine riesige, von Hoffnung getragene Welle der Beteiligung in der Bevölkerung. Tausende Menschen halfen mit, die Verbrechen des Stalinismus ans Licht zu bringen. Scherbakowa erinnerte sich, dass sich die Pioniere von damals aufgrund dieser überwältigenden gesellschaftlichen Dynamik schlichtweg nicht vorstellen konnten, dass jemals wieder eine Diktatur nach Russland zurückkehren könnte.


Dieser Satz ist ein Alarmzeichen für uns im heutigen Mitteleuropa. Er entlarvt die gefährliche Illusion, die Freiheit sei ein unumstößlicher Garantiezustand, den man einmal erbt und dann nur noch passiv konsumieren muss.


Der 9. November: Drei Daten und ein verhängnisvoller Dreischritt

Wie brüchig diese Freiheit ist, zeigt die historische Verdichtung rund um den 9. November, an dem sich drei Schicksalstage berühren. Sie beschreiben exakt jenen verhängnisvollen Dreischritt, den die Gründer von Memorial 1989 für unmöglich hielten:

  • 1938 – Der tiefste Abgrund (Die Reichskristallnacht): Der 9. November 1938 markiert den Tag, an dem mitten in Europa Synagogen brannten, jüdische Geschäfte zertrümmert wurden und staatlich organisierter Terror die Zivilisation zertrümmerte. Es ist der historische Tiefpunkt, der uns daran erinnert, wie rasch eine Gesellschaft entmenschlichen kann, wenn der Rechtsstaat kollabiert.

  • 1989 – Das »Wunder« der Hoffnung (Der Mauerfall): Das historische Gegenbeispiel. Günter Schabowskis gestammelter Satz auf einer Pressekonferenz löste eine unaufhaltsame Bewegung aus; Tausende Ost-Berliner strömten an die Bornholmer Straße, wo besonnene Grenzbeamte ohne Schießbefehl die Schranken öffneten. Ein unblutiger Sieg der Zivilcourage, der bewies, dass ein friedlicher Wandel möglich ist.

  • 2026 – Die unglaubliche Rückkehr der Tyrannei (Das Aus der Nowaja Gaseta): Exakt an diesem 9. November müssen die Verbliebenen um Friedensnobelpreisträger Dimitri Muratow in Moskau all ihre Aktivitäten einstellen. Es ist die Kulmination eines Prozesses, der sich bereits am 9. April 2026 in einem beispiellosen doppelten Tiefschlag entlud: An einem einzigen Tag stufte der Oberste Gerichtshof Memorial als „extremistisch“ ein und maskierte Sicherheitskräfte stürmten die Redaktion der Nowaja Gaseta. Keine Festnahme vor Kameras, sondern das bürokratische Strangulieren – freies Wort und unbestechliches Gedächtnis werden systematisch ausgelöscht.


Diese drei Daten zeigen: Der Weg von der Tyrannei zur Hoffnung – und wieder zurück – ist nicht bloß kurioser Zufall auf dem Kalender. Er vollzieht sich auf unserem eigenen europäischen Boden, nur wenige Flugstunden von unserer Haustür entfernt.


Nüchterne Diagnose: Wir beginnen nicht bei Null

Wer heute über Demokratie spricht, darf nicht mehr von einem Grundvertrauen für unser gewohntes politisches System ausgehen. Ein entscheidender Meilenstein eines schon länger anhaltenden Verfalls ist bereits überschritten: Das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen ist durch jahrelange, gezielte Brunnenvergiftung – durch Polarisierung, Falschinformationen und Zynismus – massiv beschädigt.

Große Skepsis, Resignation und gesellschaftliche Apathie sind die Realität. Sie sollten uns weder überraschen noch schockieren – sie sind schlicht der Boden der Realität, auf dem wir heute stehen.

Umso wertvoller wird die Haltung von Dimitri Muratow. Nach dem Tod Nawalnys prägte er jenen Satz, der das Fundament meiner Arbeit bildet: »Das Böse hat das Gute besiegt. Aber das heißt nicht, dass du auf die Seite der Sieger wechseln musst.« Muratow zieht sich trotz der Trümmer nicht zynisch zurück. Er nutzt den allerletzten Millimeter verbliebenen Spielraums.


Bürger unter Bürgern: Die Chance auf Sinnstiftung

Ich schreibe diese Zeilen nicht von einer moralischen Kanzel herab. Das Wort zum Sonntag – voll von »Du müsstest« und »Du solltest« – hat sich längst überlebt. Ich bin kein Prediger, sondern Bürger unter Bürgern.


Doch wie ich schon als Abschluss meines Buches FÜNF NACH ZWÖLF hervorgehoben habe, lohnt sich der Blick auf Viktor Frankls Logotherapie: Der Mensch ist im Tiefsten nicht vom Streben nach Bequemlichkeit getrieben, sondern vom Streben nach Sinn. Das mag unrealistisch erscheinen. Genau deshalb funktioniert die wohlfeile Ausrede des Rückzugs so verhängnisvoll gut: »Was kann ich alleine schon machen – das hat ja ohnehin keinen Sinn!« Es ist die perfekte zynische Verdrehung: Man erklärt das mögliche eigene Handeln kurzerhand für sinnlos, nur um sich die Bequemlichkeit des Zuschauersessels als alternativlos schönzureden.

Die eigene Demokratie nicht kampflos den Demagogen zu überlassen, sondern proaktiv nach eigenen Handlungsspielräumen und dem eigenen Ikigai Ausschau zu halten, ist keine lästige Pflichtübung. Es ist das wirksamste Gegengift gegen diese bequeme Sinnlosigkeits-Illusion – und eine Riesenchance auf persönlichen Sinnzugewinn.


Genau das ist das Versprechen meiner Plattform THEMEN NACH ZWÖLF: Hier geht es nicht um Belehrungen oder fertige Rezepte. Hingegen widmet sich dieses völlig unabhängige Angebot der Aufgabe, Handlungsfelder und konkrete Initiativen – meine Erkundungen – vorzustellen, an denen Sie andocken können. Vielleicht kann ich damit auch für Sie Räume öffnen, in denen Sie auf eigene Rechnung wirksam werden können.


Irina Scherbakowa und Dimitri Muratow zeigen uns, wie kostbar dieser Spielraum ist. Noch haben wir die Strukturen. Noch haben wir die Freiheit. Nutzen wir sie. Es macht Mut, es hilft anderen, es macht zufrieden, es macht Freude und: es macht Sinn.


Ihr Florian Kliman


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1 Kommentar


jhinterleitner
vor einer Stunde

Ich schätze Florian Klimans Engagement für den Erhalt und die Stärkung der Demokratie, und ebenso sein Bemühen, auf die Gefahren und die Aushöhlung der Demokratie hinzuweisen. Darüber hinaus lädt er auch zur Mitarbeit ein.


Dass die notwendige Aufarbeitung der Stalinzeit in Russland abrupt beendet wurde, ist eine der großen Tragödien unserer Zeit. Russland könnte besonders kulturell sehr viel zu einer friedlicheren Welt beitragen, bevor es das aber tun kann, muss die dunkle - ja sogar finstere Vergangenheit der kommunistisch-stalinistischen Epoche durchlüftet und aufgearbeitet werden.


Die Chance vor 35 Jahren wurde zunichte gemacht, hoffen wir, dass die nächste Gelegenheit nicht zu lange auf sich warten lässt.


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