top of page

Von einer Zäsur, die nicht gemeint ist

vor 1 Tag
7 Min. Lesezeit


Ich bin in meinem letzten Beitrag ZÄSUR - ECHT JETZT einen Schritt zurückgetreten, um mit diesem Abstand eine schlichte Tatsache zu benennen: Wenn man das Wahlergebnis auf alle Wahlberechtigten bezieht, haben etwa achtzig Prozent der Erwachsenen nicht für die extremen Ränder gestimmt. Trotz vieler Unterschiede im Detail bleibt diese Perspektive auch unter Einbeziehung der bevorstehenden Wahlen am Wochenende relevant: Es gibt auch in Ländern mit großen AfD-Wahlerfolgen sehr viele Menschen, die trotz ZÄSUR-Getöse und dem Anspruch der Gewinner jetzt die Mehrheit des Landes zu vertreten, nicht von der AfD überzeugt sind. Dieselben Zahlen, in Relation zu den Wahlberechtigten des Landes gesetzt weisen einen Anteil von etwa achtzig Prozent aus (Herleitung der Zahlen im letzten Blogbeitrag)

Freilich stellen diese keinen homogenen Block dar, sind gleich in mehrere Hinsicht heterogen, wählen unterschiedlich oder verharren in Skepsis. Und wenn sie eine der andere Parteien gewählt haben, sind es Menschen, die sehr wohl wissen, dass auch diese Partei, keineswegs fehlerfrei agiert. Man könnte eben daran sogar den zentralen Unterschied festmachen: Gesundes Misstrauen gegenüber all denen, die alles besser machen würden, mit einem Federstricht Probleme lösen werden, an denen andere bisher scheiterten. Es ist äußerst unwahrscheinlich, mit rücksichtvollem Agieren auch nur ein Problem "sofort" gelöst werden kann. Die Sofortlösungen haben eine wichtig Gemeinsamkeit: Rücksichtslosigkeit. Auch wenn man Vereinfachungen hasst, die hier wird man wohl einräumen müssen.

Ein Erbe, das es nicht leichter macht

Wir leiden in unserer Haltung zur Politik unter einem verhängnisvollen Erbe. Über viele Jahrhunderte haben uns dogmatische Erzählungen darauf konditioniert, sich nach behaupteten absoluten Wahrheiten zu orientieren. Diese heiligen Narrative haben smarte Strategen längst für sehr unheilige Allianzen zu nutzen begonnen. Verglichen mit dem (nirgendwo realisierten) Idealsystem fällt es leicht, all das Unperfekte rasch als Skandal darzustellen. Unzufriedenheit ist bekanntlich ein schier unausschöpfliches Reservoir. Wer dessen Inhalt auf die eigenen Mühlen umzuleiten versteht, hat tatsächlich die Goldader der Popularität für sich entdeckt. Auf solche Art an die Macht gekommten, muss sich der neue Machthaber dann freilich bald mit dem Umbau des Machtsystems beschäftigen, das ihm - folgerichtig - auch selbst bald zur Gefahr werden könnte. Dies sind schwer bestreitbare Erfahrungen aus der nationalsozialistischen Diktatur und in ihrem lehrbuchmäßigen Verlauf auch der österreichischen Zwischenkriegsdiktatur. Machthaber, die das demokratische System nur als Methode zur Machtergreifung schätzten, haben hier eindrückliches Lernmaterial hinterlassen. Freilich lernt daraus nur, wer die Augen nicht davor verschließt, um den eigenen Seelenfrieden nicht zu gefährden. Wenn dieAfD in den künftigen Geschichtslehrplänen weniger Nationalsozialismus und mehr Bismarck sehen möchte, muss man nicht sooo lange rätseln, warum.


Wo bleibt die Wissenschaft?

Solche Zusammenhänge liegen längst bereit. Terrabytes an Daten und Tonnen an Papier und ungezählte Stunden an Erklärungen haben allerdings noch nicht so viel ausgerichtet. Das proaktive Abholen von Informationen, die staatsbürgerliche Pflicht, sich zu informieren, die bereitgestellte Information auch zu nutzen - sie alle haben einen Haken: Sie kommen zu all den Lasten des Alltags noch obendrauf. Der Haufen ist zu einem Gebirge angewachsen. Dessen Strukturen zu verstehen und eine Gewichtung vorzunehmen ist ohne Hilfe kaum bewältigbar. Und es wird mehr, viel mehr, unbewältigbar mehr!

Die verbleibende knappe Zeit widmet man daher denen, die viel schneller zum Punkt kommen. Schwarz oder weiß, das ist schneller erklärt als Goethes Farbenkreis. Doch von einem entscheidenden Manko all der wenig genutzten Materialien war noch nicht die Rede: Die schwer ruinierte Glaubwürdigkeit der Überbringer. Diese nämlich wird von Schwarzweiß-Rhetorik auf den Punkt gebracht - und flugs von Thema zu Thema weitergereicht. "Sie haben uns bei Corona belogen, sie belügen uns über die Ukraine, warum soll ich ihnen beim Klima glauben?"


Wie soll diese Bringschuld der Wissenschaft und der Politik aufgeholt werden? Gerne wird dabei auf den Vorsprung der rechten Parteien in ganz Europa verwiesen. Es ist bereits wieder zwei Jahre her, seit Anne Applebaum in ihrem Buch Die Achse der Autokraten unwidersprochen die Trollarmeen in Moskau und Peking beschrieb, deren reguläres Produkt die Fehlinformation ist. Eben in der erwähnten Zeit der Corona-Epidemie wurden Desinformationsstrukturen etabliert, die auch heute noch die Brunnenvergiftung gekonnt weiterbetreiben. Auf die schon gegen das Establishment, gegen die Altparteien, gegen das System mobilisierten Abnehmer, die "denen da oben" aber auch schon alles zutrauen, kann man weiterhin bauen. Sollen diese Profis übertrumpft werden, soll eine "gute" Trollfabrik konkurrenzfähige Lügen in Umlauf bringen? An der Technik würde das kaum scheitern. So sind die unter großem Aufwand auch hierzulande etablierten Strukturen zur Verbreitung von Wissen so gut ausgebaut wie noch nie zuvor. Wegen der Verbreitung der Smartphones haben die Leitstellen von Bund und Ländern in Deutschland seit 2023, in Österreich seit 2024 die Möglichkeiten, an alle Smartphones Gefahrenmeldungen zu übermitteln.

Von der Schwierigkeit, gemäß dem eigenen Wissen zu handeln

Diese beliebig erweiterbare Aufzählung von mit staatlichen Geldern erforschten Wissens, dessen Nutzung als Holschuld des Bürgers wenn, dann nur selektiv genutzt, in seiner Vielfalt aber leidlich ignoriert wird, hat Peter Sloterdijk schon 1983 in seinem Philosophie-Klassiker Kritik der zynischen Vernunft ein mahnendes Denkmal gesetzt.

Es schmerzt, dass in den vielen Gedanken über alternative Wege in der Ausgestaltung der Demokratie diese wertvolle Ressource des Wissens und die ungeheuren Fortschritte in den Technologien zur Bereitstellung nur wenig Rolle spielen. Eher hofft man auf das rechtzeitige Hervortreten eines "guten" Populismus-Talents in den eigenen Reihen, das den "bösen" Populisten das Wasser abgräbt. Dabei hätte der Zugang, die bekannt vielschichtigen Zusammenhänge als wissenschaftliche Herausforderung zu sehen, viele entscheidende Vorteile.

  • Erfahrung mit multikausalen Problemstellungen

  • Mit dem kritischen Rationalismus des Karl Popper verfügt man eine gefestigte Theorie

  • Langjährige praktische Erfahrung der Nutzung von Irrtümern für den Fortschritt

  • Korrekturoffene Arbeitsweise

  • Globale Vernetzung

  • Erfahrung mit der Strukturierung des Wissens

  • Sozialwissenschaften beleuchten die Akzeptanz von wissenschaftlichen Erkenntnissen

Dieser Auszug ohne Anspruch auf Vollständigkeit mag vielleicht vermitteln, was die derzeitigen Akteure in der Politik hier an vorhandenen Wissen links (oder rechts?) liegen lassen. Die einhellige geäußerte Ansicht, es müsste gelingen, wieder Vertrauen in die bestehenden Institutionen zurückzugewinnen kann nicht mit blanker Hoffnung auf wundersame Entwicklungen ausgesessen werden. Die Erarbeitung von Wissen, die sich die Demokratien "leisten" kann in wesentlich konkreterer Form als bislang nutzbar gemacht werden. Immerhin ist die Demokratie und die Wissenschaft beide Kinder der Aufklärung, Die Rehabilitierung der Vernunft für das menschliche Zusammenleben könnte gerade in der Politik enormen Nutzen stiften. Mit der Schaffung intelligenter Schnittstellen könnten die Entscheidunsträger wesentlich transparentere politische Entscheidungen präsentieren. Die - so nie deklarierte - Bereitschaft, Entscheidungen nur wissenschaftsbasiert zu treffen, hat in den Corona-Jahren einen neuerlichen schweren Rückschlag erlitten. Ein erschreckendes Maß an Unkenntnis wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung ist dabei sichtbar geworden und der durch diesen Kommunikationsknoten angerichtete Schaden war enorm. Ist nun die Schmerzschwelle bereits erreicht, um sich nach natürlichen Verbündeten umzusehen? bewusst zu werden der offen eingestandenen Vertrauenskrise gegenüber der Politik konkret entgegenzuwirken?


Die Demokratiekrise als Chance

Die Einsicht, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen zu sein, liegt eine beträchtliche Herausforderung. Immerhin wurde so noch nie miteinander gearbeitet, ist doch die Wissenschaft auf ihre Unabhänigkeit bedacht und viele Politiker meinen in einer gewissen Distanz zur Wissenschaft ihre Volksnähe demonstrieren zu können. Die Eindrücke aus der Corona-Zeit, in der verschiedene Politiker sich auf verschiedene, einander widersprechende wissenschaftliche Empfehlungen gegenüberstanden, hat weder der Politik noch der Wissenschaft besonders gut getan. Selektiv ein Papier auszuwählen, das die eigene Position bestätigt, ist - nicht verwunderlich - oft genug daneben gegangen. Den tatsächlichen besten Wissensstand zu einer Thematik wird man so auch niemals anzapfen können. Der dazu nötige Aufwand wurde bisher gescheut und man könnte die Vehemenz der derzeitigen Krise auch als die Chance deuten, diese notwendigen Schritte in Angriff zu nehmen.

Reicht die Wahrnehmung der Krise bereits aus, um bisher nicht begangene Wege zu beschreiten und sich das höchste Niveau an Wissen dienstbar zu machen und den schmerzlichen Erfahrungen vergangener Jahre nicht noch neue hinzuzufügen?

Es entspricht auch einem der hinderlichen Narrative, Wissenschaft nur auf stures Sammeln und Zählen von Daten zu reduzieren. Das ist schon bei den Naturwissenschaften nicht korrekt und schon gar nicht bei den Geisteswissenschaften. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es auch eine Fakultät für Theologie gibt, Wenn ich mir daher wünsche, die Politik möge sich das höchste Niveau an Wissen dienstbar machen, dann ist es über die Spezialgebiete hinweg vor allem das Verständnis der Zusammenhänge, das sich in den aktuellen Entwicklungen der Wissenschaft enorm vergrößert hat. Diese Zusammenhänge nutzbar zu machen, die Strukturen zu entwerfen, wie dieses Verständnis der Komplexität genutzt werden kann, daran gilt es zu arbeiten. Es ist eine Bringschuld der Wissenschaft, ihren Nutzen sichtbar zu machen. Die Distanz zwischen den Höhen der Spitzenforschung und der Alltagswelt des Bürgers, scheint sich inzwischen auf unvorstellbare Dimensionen vergrößert zu haben. Ein Brückenschlag hat sich nach so vielen Jahren zu einer eigenen enormen Aufgabe ausgewachsen. Viele andere Hürden könnten aufgezählt werden, es wäre töricht, diese Entwicklung als einfachen Selbstläufer darzustellen. Den gewachsenen Druck durch die Kritik aus der Gesellschaft habe ich schon als überlegenswertes Argument angeführt. Vielleicht aber kann auch eine Besinnung auf die geradezu explosiven Möglichkeiten das bisher brachliegende wieder in Erinnerung bringen. Käuflichkeit unterstellende Kritik ist nach dem Zeitalter der Aufklärung nicht mehr erwarteten Ausmaß über den Wissenschaftsbetrieb hereingebrochen. Es gibt also auch für die Wissenschaft einiges zu tun. Auch um die jeweils eigene Rolle besser zu verstehen, wäre ein offener Wissensaustausch zwischen den Akteuren in Wissenschaft und Poltikt vielversprechend - und doch so schwer.


Die andere Zäsur Die Schwierigkeit nicht unterschätzen, aber auch das enorme Potential, um das Vertrauen in die konstruktive Zusammenarbeit von Menschen konkret zu stärken - wäre das eine zumutbare Ausrichtung auf die Zukunft - hinter dem nächsten Wahltermin? Dort, an dieser Schnittstelle zwischen dem Werkraum Demokratie und den verfügbaren Ressourcen an Wissen wird sich entscheiden, ob man der Demokratie glaubt, dass sie sich erneuern kann, sich in den Dienst der Menschen stellen kann und nicht nur an den nächsten Wahlen, sondern am Wohl der Menschen Interesse hat.

Dafür halte ich die Bezeichnung ZÄSUR für angemessen. Von dieser Art Zäsur war bisher noch nirgendwo zu lesen oder zu hören. Den Beistand des vorhandenen Wissens nicht mehr länger auf Distanz zu halten, sondern sich in Anbetracht enormer Herausforderungen den Schulterschluss zu suchen, wäre ein Aufbruch zu einer Erneuerung der Politik - erwartbaren Aufschrei inbegriffen. Den Nutzen des besten verfügbaren Wissens für unsere Zukunft darzustellen, wäre eine absehbar schwierige und doch unendlich lohnende Aufgabe. Es wäre ein glaubhafter Schritt, eine Alternative zu jenem versprochenen perfekten System, das eine perfekte Partei etablieren würde, wenn man sie nur ließe. Keine Utopie, lediglich die Nutzung der schon vorhandenen, gemeinsam geschaffenen und ja - auch finanzierten - Wissensressourcen. Nur ein Schritt, auch die kulturschaffenden, denkenden Potentiale sind mobilisierbar für eine glaubhafte Reform der Demokratie an Haupt und Gliedern.


Eine Schluß-Pointe : Die Zäsur, wie sie kommen wird (müssen)

Und eine feine Ironie kommt hinzu : Jene Wähler, die ihr Kreuzchen bei den Rändern nur aus berechtigtem Frust über das mäßige Angebot der Mitte gesetzt haben, hätten ihr Ziel erreicht:Endlich wird an Ihre Zukunft gedacht, sie brauchen ihre Stimme nicht mehr in den Mistkübel der Proteststimmen zu werfen.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Was andere schrieben #4

Schon in der letzten Ausgabe habe ich hier Fundstücke präsentiert, die über den Tag hinaus, über diese Wochen hinaus, über den nächsten und übernächsten Wahltermin hinaus diesen schwer verdaulichen So

 
 
 

Kommentare


bottom of page